Gegner verteidigen Begriff

Streit um Mohren-Apotheken – Ehepaar kämpft für Umbenennung

Haben eine bundesweite Petition gegen das M-Wort ins Leben gerufen: Thomas und Ruth Hunstock vor der Mohren-Apotheke auf dem Bebelplatz in Kassel.
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Haben eine bundesweite Petition gegen das M-Wort ins Leben gerufen: Thomas und Ruth Hunstock vor der Mohren-Apotheke auf dem Bebelplatz in Kassel.

Als vierte deutsche Stadt hat Kassel zuletzt das N-Wort geächtet. Jetzt kämpft ein Ehepaar gegen das M-Wort. Müssen sich Mohren-Apotheken bald umbenennen?

Kassel – Wenn Ruth Hunstock am Kasseler Bebelplatz an der Mohren-Apotheke vorbeigeht, hat sie kein gutes Gefühl. „Dieses Wort ist einfach der Horror für mich“, sagt die schwarze Aktivistin, die sich seit Jahren gegen Rassismus engagiert. Mit ihrer Initiative „Side by Side – Afrodeutsche und Schwarze Menschen Nordhessen“ hat die 42-Jährige im Februar dafür gesorgt, dass Kassel das N-Wort ächtet – als vierte deutsche Stadt überhaupt. Nun soll auch der Mohr auf den Index.

Mit ihrem Mann Thomas Hunstock hat sie eine entsprechende Eingabe an das Büro der Stadtverordnetenvorsteherin geschickt. „Eine Ächtung wäre kein Verbot, nur ein offizielles Statement der Stadt für diskriminierungssensible Sprache und gegen rassistische Fremdbezeichnungen“, heißt es in der Begründung. Nun muss entschieden werden, ob das Anliegen im Ausschuss für Chancen, Gleichstellung, Integration und Eingaben sowie anschließend im Stadtparlament behandelt wird.

Mohren-Apotheke auch in Kassel: Paar setzt sich für Ächtung der M-Bezeichnung ein

Bereits vor einem Jahr hat das Paar, das mit seinem Sohn in Wehlheiden lebt, eine bundesweite Petition auf den Weg gebracht. Sie fordert, dass die Bezeichnung Mohr „aus dem Namen aller Apotheken verschwinden muss“. Bislang haben knapp 1000 Menschen die Petition unterschrieben.

Etwa 90 Mohren-Apotheken gibt es in Deutschland. Viele Inhaber denken so wie Christina Hartmann, die die Mohren-Apotheke am Bebelplatz 2014 übernommen hat und seitdem immer wieder überlegt hat, den Namen zu ändern, wie sie bereits voriges Jahr der HNA sagte. Allerdings würde das „einen wahnsinnig hohen betriebswirtschaftlichen und bürokratischen Aufwand bedeuten“.

Dies hat auch Rüdiger Hartong jahrelang abgeschreckt, der in Bonn eine Mohren-Apotheke betreibt. Nach einer mehr als 80-jährigen Firmengeschichte hat er sie im April in „Apotheke am KAP“ umbenannt – so nennen die Bonner den Konrad-Adenauer-Platz. Dafür brachte ein Reporter-Team des ZDF-Formats „Terra Xpress“ Hartong und Ruth Hunstock zusammen. Im Beitrag sagt Hartong: „Es freut mich, dass sie sich freut.“

Ehepaar aus Kassel fordert Umbenennung der Mohren-Apotheken - Gegner verteidigen Begriff

Allerdings war die Umbenennung nicht ganz einfach, wie der Apotheker der HNA sagt. Etwa 10 000 Euro habe sie ihn gekostet. Mit dem bürokratischen Aufwand werde er noch das ganze Jahr beschäftigt sein. Trotzdem sagt Hartong: „Das war es mir wert.“

Gegner von Umbenennungen verweisen nicht nur auf den Aufwand, sondern auch auf die Herkunft des Begriffs Mohr, der ursprünglich einen positiven Bezug gehabt habe, weil er auf die Mauren und ihre fortgeschrittene Heilkunst verweise. Dies kann auch der Kasseler Politik-Professor Aram Ziai nachvollziehen, der sich in der Gruppe „Kassel postkolonial“ engagiert. Allerdings werde der Begriff schon lange abwertend und negativ gebraucht: „Wenn es Leute verletzt, die nicht so bezeichnet werden wollen, kann man nicht sagen, dass das alles nicht so gemeint ist.“

Mohren-Apotheken: „Rassismus geht uns alle an“ - Paar aus Kassel kämpft für Ächtung

Andere fragen sich, wo das noch hinführen soll. Müssten sich dann auch die zwei Dutzend Menschen umbenennen, die im Kasseler Telefonbuch unter dem Nachnamen Mohr aufgeführt sind? Dies sei etwas anderes, sagt Thomas Hunstock: „Ein Name sagt aus, wie jemand heißt und nicht, was er ist.“ Bei einer Frau Groß gehe man ja auch nicht davon aus, dass sie groß sei. Die Ächtung des M-Wortes hat er ganz bewusst gemeinsam mit seiner Frau eingebracht. Der „weiße Biodeutsche“ und die als Kind mit ihren Eltern aus Eritrea geflohene Afrodeutsche „wollen beide Seiten der Kasseler Gesellschaft repräsentieren. Rassismus geht uns alle an.“

Einige schrecken dabei auch vor Straftaten nicht zurück. Im Juli vorigen Jahres überklebten Aktivisten das M der Mohren-Apotheke in Kassel. Der Staatsschutz ermittelte. „Das verurteilen wir aufs Schärfste“, sagt Thomas Hunstock: „So etwas trägt nur dazu bei, dass sich die Fronten verhärten.“ Inhaberin Hartmann will sich am liebsten gar nicht mehr zur Debatte äußern. Sie sagt: „Wie alle anderen Apotheken müssen wir in der Pandemie exorbitante Leistungen vollbringen. Wenn wir irgendwann wieder ein normales Leben haben, machen wir uns vielleicht Gedanken über das Thema.“ (Matthias Lohr)

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