Es passierte bei Abrissarbeiten

Ein Denkmal versinkt: Teile der historischen Martini-Brauereikeller sind verschüttet

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Riesige Unterwelt: Auf 4000 Quadratmeter erstrecken sich die Bierkeller der ehemaligen Martini-Brauerei. Sie wurden im 19. Jahrhundert angelegt und sind die größten in Kassel. Unser Foto zeigt Tom Gudella von den Vikonauten.

Kassel. Bei Bauarbeiten auf dem ehemaligen Gelände der Martini-Brauerei wurden Teile von Kassels größter und denkmalgeschützter Kelleranlage verschüttet. Gerettet werden soll sie nun allerdings nicht.

Wo sich bald ein neues Wohnquartier erstrecken wird, tun sich derzeit zwei große Krater auf. Bei Abrissarbeiten auf dem Gelände an der Kölnischen Straße wurden die Keller verschüttet. Es handelt sich um zwei 13 Meter hohe Eiskeller, die eigentlich hätten erhalten werden müssen. In diesen Gewölben, die Teil des über 100 Jahre alten Kulturdenkmals sind, wurde einst das Bier der Brauerfamilie Kropf gelagert.

Beim Verein Vikonauten, der sich der Erforschung der Kasseler Unterwelt widmet und das Nutzungsrecht für die Bierkeller vertraglich zugesichert bekam, herrscht Unverständnis. Vor allem deshalb, weil nun der Bauherr des betroffenen Baufeldes, Eisfeld Ingenieure AG aus Kassel, die Erlaubnis von der Stadt bekam, die eingestürzten Gewölbe zu verfüllen und damit für immer zu zerstören. Es sei dem Investor aus statischen und wirtschaftlichen Gründen nicht zumutbar, die Gewölbe zu erhalten, so ein Stadtsprecher.

Einsturzstellen: Die Krater zeigen, wo die Eiskeller auf dem ehemaligen Brauerei-Areal liegen.

Zum Einsturz war es bereits vor einigen Wochen gekommen, als im Auftrag der Einbecker Brauerei – die seinerzeit Eigentümerin des Areals war – ein Abrissbagger alte Fundamente auf dem Grundstück beseitigte. Zunächst bekam die Brauerei von der Stadt die Auflage, den Schutt wieder an die Oberfläche zu befördern und die Eiskeller zu räumen. Dem kam die Brauerei auch nach.

Kurz vor Abschluss wurden diese Arbeiten aber abgebrochen. Der Grund: Die Muschelkalkwände hätten nachgegeben und permanent sei Material nachgerutscht, teilt die Stadt mit. Statiker und Gutachter seien zum Schluss gekommen, dass die Standfestigkeit der Eiskeller nicht gewährleistet werden könne. Es bestehe die Gefahr, dass benachbarte denkmalgeschützte Kellerbereiche auch zerstört werden. In Abstimmung mit der Landesdenkmalpflege sei deshalb der Verfüllung zugestimmt worden.

Jede Menge Geröll: Der Zugang zu einem der großen Eiskeller ist verschüttet.Tom Gudella

Für Tom Gudella und Bernd Tappenbeck von den Vikonauten ist die Sache damit aber nicht beerdigt. Sie wollen Aufklärung und fordern vom Denkmalschutz, sich stärker für den Erhalt des einzigartigen Denkmals einzusetzen. „Die Kropfschen Keller sind ein Schatz für die Stadt. Durch teils auch geplante Verfüllungen sind bereits über 1000 Quadratmeter der 4000 Quadratmeter großen Anlage verschwunden“, sagt Tappenbeck. Der Denkmalschutz erweise sich als zahnloser Tiger.

Die Vikonauten fordern, dass die noch erhaltenen Gewölbe besser geschützt werden. Wenn das Martini-Quartier als Wohnareal erschlossen ist, wollen sie dort unterirdische Führungen anbieten.

Bei der Einbecker Brauerei und beim Investor Eisfeld Ingenieure war niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

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