Haus ist seit eineinhalb Jahren verdeckt

Unmut über ewiges Baugerüst am Kasseler Bebelplatz

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Seit 2015 eingerüstet: Das Gerüst für die Fassadensanierung des Hauses an der Dörnbergstraße steht inzwischen seit eineinhalb Jahren. Erst vor Kurzem wurde die vorgehängte Plane abgenommen, die den Bewohnern auch das Licht nahm.

Kassel. Ein Wohnhaus im Vorderen Westen in Kassel wird seit eineinhalb Jahren von einem Baugerüst verdeckt. Mittlerweile sammelt sich im Fußgängerdurchgang sogar der Müll. Der zuständige Architekt lehnte ein Gespräch darüber ab. 

Die Bewohner des Hauses an der Dörnbergstraße 5 brauchen kaum noch ihre Hausnummer nennen, um zu beschreiben, wo sie wohnen. Wenn sie sagen: „Es ist das Haus mit dem Gerüst“, weiß im Quartier jeder Bescheid. Seit eineinhalb Jahren ist das schmucke Jugendstilhaus unweit des Bebelplatzes eingerüstet. Arbeiter sind hingegen nur selten auf der Baustelle zu sehen.

Unter dem Gerüst hat sich inzwischen eine kleine Müllhalde gebildet. Gratiszeitungen, Verpackungsmüll aus aufgeplatzten Gelben Säcken und anderer Schmodder sammelt sich dort. Mitunter riecht es auch streng, wenn man den Fußgängerdurchgang passiert.

Bis November noch verhängt

Spricht man mit Bewohnern des Hauses, spürt man eine Mischung aus Wut, Resignation und Galgenhumor. Immerhin habe man diese Weihnachten nicht mehr hinter der Plane verbringen müssen, sagt eine Mieterin. Im November war zumindest der Vorhang, der bis dahin an dem Gerüst befestigt war und das Tageslicht abhielt, abgehängt worden. Auch in der Nachbarschaft hatte man damals kurz aufgeatmet: in der Hoffnung, auch das Gerüst werde abgebaut. Es blockiert nicht zuletzt mehrere Parkplätze an der Straße. Doch Fehlanzeige.

Schmuddelecke: Unter dem Gerüst sammelt sich Müll und Laub.

Ursprünglich war ein halbes Jahr für die Sanierungsarbeiten an dem Haus vorgesehen, berichtet der Eigentümer einer der Wohnungen. Neben der Fassadendämmung im rückwärtigen Bereich des Hauses, in dem inklusive Hinterhaus 20 Parteien wohnen, waren Dacharbeiten und die Restaurierung der Fassade zur Straße geplant.

Doch anstatt dass die Arbeiten wie vorgesehen parallel erledigt wurden, passierte an der Fassade lange gar nichts. Währenddessen steht und steht das Gerüst – und verursacht Kosten für Miete und Standgebühr. „Das ist jeden Monat bares Geld, was da verbrennt“, sagt der Wohnungseigentümer. Im Januar 2016 habe der Architekt beteuert, es dauere noch maximal bis Mai. Im Frühjahr habe man dann erfahren, so der Bewohner, dass nicht einmal der nötige Antrag bei der Denkmalschutzbehörde für die ausstehenden Fassadenarbeiten gestellt war. Er und viele seiner Nachbarn sind sauer auf den Architekten.

Inzwischen sind die Dacharbeiten, für die monatelang auch ein Kran vor dem Haus stand, zwar abgeschlossen und auch das Gros der Fassade ist gestrichen. Nun sollten im Dezember noch die noch fehlenden Balkongeländer montiert werden. Doch wieder war der Wurm drin: Die Teile wurden in der falschen Farbe geliefert. Nun liegen die Arbeiten vorerst wieder auf Eis.

Der mit dem Projekt betraute Kasseler Architekt Heinz Vogt wollte sich auf Anfrage der HNA nicht näher äußern. Der Sachverhalt sei zu komplex, um ihn auf die Schnelle zu erklären, sagte er. Ein Treffen zum Gespräch lehnte er ab. „Ich investiere die Zeit lieber in meine Arbeit, sodass das Gerüst bald verschwindet.“ Wann es so weit sein könnte, sagte er nicht.

Das sagt der Hausverwalter

Hausverwalter Werner Göbel, der im Auftrag der Eigentümergemeinschaft das Bauprojekt organisatorisch begleitet, nimmt den Architekten in Schutz. Diesen schätze er als sorgfältig und sehr sachverständig. „Es gibt nicht den einen Schuldigen“, sagt Göbel. Vielmehr sei eine Vielzahl von Dingen nicht optimal gelaufen. Das fange mit den Entscheidungsprozessen innerhalb der Eigentümergemeinschaft an: „Wenn 20 Parteien mit zum Teil unterschiedlichen Interessen sich einigen müssen, dann dauert das.“ Die Panne mit der falschen Geländerfarbe habe übrigens einer der Eigentümer verursacht, weil er im Sitzungsprotokoll versehentlich die falsche Farbnummer notiert hatte, sagt der Verwalter. Auch die aufwändigen Abstimmungsprozesse mit dem Denkmalschutz liefen zum Teil nicht konfliktfrei ab. „Die Bürokratie in Deutschland bringt einen manchmal zur Verzweiflung“, sagt Göbel. Hinzu komme, dass die Fachfirmen in der Bauwirtschaft derzeit stark ausgelastet seien. Komme es zu unvorhergesehenen Terminverschiebungen, sei es fast unmöglich, kurzfristig qualifizierte Firmen zu finden. Hohe Mehrkosten sieht Göbel bislang nicht auf die Eigentümer zukommen. Das Projekt sei mit 350.000 bis 400.000 Euro veranschlagt. Die Gerüstkosten fielen da nicht großartig ins Gewicht. „Der Aufbau ist viel teurer als die Standzeit.“ 

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