26-Jähriger gesteht

Ausgespäht in der eigenen Wohnung: Student filmt Mitbewohner jahrelang in Badezimmer

Ein Student aus Kassel hat seine Mitbewohner in einer Kasseler Wohngemeinschaft über mehrere Jahre im Badezimmer gefilmt. (Symbolbild)
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Ein Student aus Kassel hat seine Mitbewohner in einer Kasseler Wohngemeinschaft über mehrere Jahre im Badezimmer gefilmt. (Symbolbild)

Ein Student aus Kassel hat seine Mitbewohner über mehrere Jahre im Badezimmer gefilmt. Der Mann gestand die Taten jetzt vor dem Kasseler Amtsgericht.

Kassel – Wenn es einen Bereich ureigenster Privatheit gibt, dann ist es das eigene Badezimmer. Hier möchte der Mensch gern unbeobachtet tun, was er tut. Doch genau dies verwehrte ein 26-jähriger Student aus Kassel den Mitbewohnerinnen und -bewohnern seiner Wohngemeinschaft im Vorderen Westen.

Über einen Zeitraum von drei Jahren hatte er in seinem Kulturbeutel eine Kamera versteckt, diese im gemeinsamen Badezimmer platziert und die jungen Frauen und Männer seiner WG beim Duschen oder beim Toilettengang gefilmt und fotografiert.

Das Amtsgericht hatte den 26-Jährigen wegen der 51-fachen „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches“ per Strafbefehl zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Außerdem sollte er 150 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten. Dagegen hatte der Mann Einspruch eingelegt, sodass es gestern vor Amtsrichterin Laubach zu einer Hauptverhandlung kommen sollte.

Student aus Kassel filmte heimlich Mitbewohner im Badezimmer

Doch die wurde in letzter Sekunde abgewendet, weil der Angeklagte gegen den Rat seines Verteidigers den Einspruch zurückzog und den Strafbefehl akzeptierte. Der ist damit rechtskräftig. Hintergrund: Die Bewährungsstrafe findet sich künftig im polizeilichen Führungszeugnis des Studenten, der kurz vor dem Bachelor-Abschluss steht. Eine Geldstrafe von maximal 90 Tagessätzen, wie sie der Verteidiger anstrebte, hätte dem Angeklagten einen Eintrag ins Strafregister und damit mögliche Nachteile bei der späteren Jobsuche erspart.

Doch schlimmer als dies erschien dem Angeklagten die Ankündigung von Richterin Laubach und Staatsanwältin Weltecke, in einer Verhandlung die WG-Mitbewohner als Zeugen zu hören. Je nach dem, wie stark die psychischen Folgen für die in intimen Situationen gefilmten Männer und Frauen wären, würde sich dies auf das Strafmaß auswirken, hatte die Richterin erläutert.

Noch am Tag, als die Kamera im Bad entdeckt wurde, war der Angeklagte von seinen Mitbewohnern zur Rede gestellt worden und aus der WG ausgezogen. Seine Entschuldigungsschreiben seien nicht angenommen oder beantwortet worden, sagte er gestern vor Gericht aus. Dafür habe er aber volles Verständnis. Er habe sich damals depressiv gefühlt, nachdem eine erhoffte Beziehung zu einer Kommilitonin nicht zustande kam. Da habe er die Kamera installiert.

Student aus Kassel versteckte Kamera im Kulturbeutel – „wie eine Art Droge“

Rechtfertigen wollte der 26-jährige Angeklagte das Aufstellen der Kamera im Badezimmer seiner WG nicht. Aber den Versuch einer Erklärung für die 216 Bild- und Videodateien, die auf seinem Handy, Laptop, PC und auf Festplatten gefunden worden waren, lieferte er im Amtsgericht doch.

Nach der gescheiterten Beziehungsanbahnung mit einer Frau sei er depressiv geworden, habe sich umbringen wollen. Davon habe ihn aber eine Mitbewohnerin abgehalten. Er befinde sich in Therapie, weil er ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität und Angst davor habe, Frauen näher zu kommen.

„Ich habe Angst vor körperlicher Nähe. Vielleicht war das mit der Kamera der krankhafte Versuch, das zu überwinden“, sagte der spürbar bedrückte Mann. Er habe niemals vorgehabt, die Dateien zu veröffentlichen, die meisten habe er ohnehin gleich wieder gelöscht. Tatsächlich hatte er zwischen Dezember 2017 und April 2020 mit der Kamera im Kulturbeutel Aufnahmen der unbekleideten Mitbewohner oder von WG-Besuchern angefertigt. Im Januar 2020 tauschte er einen blickdichten Duschvorhang gegen einen durchsichtigen aus. Das habe er aber getan, weil der alte Vorhang verschlissen gewesen sei, nicht um einen besseren Blick auf die Duschenden zu haben, beteuerte er.

In diesen zweieinhalb Jahren sei das Filmen „wie eine Art Droge“ geworden. Dabei habe er niemanden in der WG verletzen wollen, habe eigentlich zu allen eine gute Beziehung gehabt.

Heimliche Aufnahmen lange nicht strafbar

Das heimliche Fotografieren und Filmen war lange nicht strafbar, solange die Aufnahmen nicht veröffentlicht wurden. Erst vor dem Hintergrund ständiger Verfügbarkeit digitaler Aufnahmemöglichkeiten trat 2004 der Paragraf 201a des Strafgesetzbuches in Kraft, der Aufnahmen aus dem höchstpersönlichen Lebensbereich mit bis zu zwei Jahren Haft bedroht. Dazu zählen „besonders geschützte Räume“ wie das eigene Bad. 2018 gab es rund 500 Verurteilungen.

Kassel: Versteckte Kamera im Bad ein „schwerwiegenden Eingriff in die Privatsphäre von Menschen“

Das ist jetzt vorbei. Die betroffenen Studierenden haben seit der Entdeckung der versteckten Kamera jeden Kontakt zu dem Angeklagten abgebrochen. Zwei von ihnen waren gestern im Gericht, wollten sich aber gegenüber der HNA nicht zu den Vorfällen äußern. Beide wirkten sichtlich betroffen von den Ereignissen, begrüßten es aber, diese in die Öffentlichkeit zu bringen und damit zur Diskussion zu stellen.

Staatsanwältin Weltecke sprach von einem schwerwiegenden Eingriff in die Privatsphäre von Menschen, die sich in der besonderen Vertrauenssituation einer Wohngemeinschaft sicher und geschützt gefühlt hätten. Zu Recht werde ein Eindringen in diesen Schutzbereich mit bis zu zwei Jahren Haft bedroht. Bei der Strafzumessung habe man auch die psychische Verfassung des voll geständigen Angeklagten berücksichtigt. (Thomas Stier)

Ein Fußballtrainer aus dem Raum Göttingen wurde verurteilt, weil er heimlich Fußballspielerinnen beim Duschen gefilmt hatte. Er musste eine Strafe zahlen.

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