Pilzsporen

Viele Altbauten des Vorderen Westens leiden unter Hausschwamm

Kassel. Es ist eine schlummernde Gefahr, über die niemand gern spricht: Hausschwamm. Tatsache ist, dass auch in Kassel eine große Anzahl von Häusern, vorwiegend Altbauten im Stadtteil Vorderer Westen, von dem holzzerfressenden Pilz bedroht ist.

Es bröselt: Hausschwamm im Mauerwerk. Archivfotos:  Müller

Seit vier Jahren besteht in Hessen keine Meldepflicht für Hausschwammbefall mehr, weshalb laut Stadtsprecher Ingo Happel-Emrich auch für Kassel keine Zahlen vorliegen. Genehmigungspflichtig seien nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz lediglich die Schwammsanierungen an denkmalgeschützten Gebäuden. Danach sind in Kassel in den vergangenen fünf Jahren, so Happel-Emrich, zehn Hausschwammsanierungen an Denkmälern gemeldet worden.

Doch das ist nach Auskunft von Fachleuten nur die Spitze des Eisbergs. Sie gehen von einer hohen Dichte an Hausschwammvorkommen vor allem im Vorderer Westen mit seinen vielen Gründerzeit- und Jugendstilhäusern aus. In 70 Prozent aller Häuser seien in diesem Stadtteil Hausschwammsporen vorhanden, schätzt der Zimmerer und Architekt Bodo Schellhorn, der Kasseler Experte in Sachen Hausschwammsanierung. Das allein sei noch kein Desaster, so Schellhorn. Erst wenn diese Sporen auf ideale Lebensbedingungen wie Feuchtigkeit in Verbindung mit Substrat wie Holz oder Zellulose treffen, werde es gefährlich.

Wird der Schaden, den infolge des Schwamms häufig Nagekäfer noch verschlimmern, zu spät entdeckt, kann als letzte Lösung sogar der Abriss des Gebäudes stehen. Zuletzt geschehen vor drei Jahren im Fall der Haferkakao-Fabrik in Bettenhausen. Am Ende mussten die vom Echten Hausschwamm befallenen Gebäudeteile sogar als Sondermüll entsorgt werden.

Morsches Holz, das unter Schwamm und Nagekäfern litt.

Auch das 1880 gebaute Wohnhaus Wilhelmshöher Allee 115 wurde vor einigen Jahren abgerissen, weil es nicht mehr saniert werden konnte und eine Gefahr für die umstehenden Häuser darstellte. Nicht nur, dass die vielen Sporen weit fliegen, auch das Myzel, also das Pilzgeflecht, kann sich durch Wände und Decken hindurch unter Umständen Häuser übergreifend über 30 Meter Länge ausbreiten, so Schellhorn.

Wenn der Hausschwamm weit fortgeschritten ist, sind die Sanierungen umfangreich und teuer. Im Fall des Jugendstilhauses Lassallestraße 15 waren die Schäden nach einem Verwalterwechsel aufgefallen, weshalb das Haus jetzt mit großem Aufwand saniert wird. Nicht weit davon entfernt war der Schaden in einem Altbau erst kürzlich aufgefallen, nachdem neue Eigentümer vergeblich versucht hatten, Lampen an einem morschen Deckenbalken anzubringen. Das Holz war durch Schwamm und Käferfraß vermodert. Zuvor war jahrelang Regenwasser über einen Dachschaden ins Haus eingedrungen. Die Sanierungskosten in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro muss jetzt die Eigentümergemeinschaft tragen.

Von Christina Hein

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