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„Ich kann nicht mehr“: Kasseler Mieterin klagt wegen Schwarzstaub in ihrer Wohnung

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Von: Bastian Ludwig

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Unansehnliche Verfärbungen: Vor allem im Wohnzimmer und Schlafzimmer von Gisela Falk hat sich in den Ecken und über den Heizkörpern schwarzer Staub abgelagert.
Unansehnliche Verfärbungen: Vor allem im Wohnzimmer und Schlafzimmer von Gisela Falk hat sich in den Ecken und über den Heizkörpern schwarzer Staub abgelagert. © Bastian Ludwig

Eine Rentnerin aus Kassel hat ihre Vermieterin - die Vereinigten Wohnstätten 1889 - wegen Schwarzstaub in ihrer Wohnung verklagt.

Kassel – Gisela Falk lebt seit 36 Jahren schräg gegenüber der Stadthalle Kassel. Sie habe sich in ihrer Erdgeschosswohnung an der Friedrich-Ebert-Straße stets wohlgefühlt und sei auch mit ihrem Vermieter – den Vereinigten Wohnstätten 1889 – zufrieden gewesen, so die 72-jährige Rentnerin. Doch beides änderte sich vor mehr als zwei Jahren.

Denn seit mehr als zwei Jahren liegt Falk im Streit mit ihrem Vermieter. Auslöser dafür ist schwarzer Staub, der sich plötzlich auf ihren Wänden und Decken niedergeschlagen hatte. Besonders in den Ecken und über den Heizkörpern ist er zu sehen. Der Staub sei aufgetaucht, einige Wochen nachdem in ihrer Wohnung neues Linoleum verlegt worden war. Dies ist nun etwa drei Jahre her.

Am Anfang war die Vermieterin zunächst nur verwundert über das unansehnliche Phänomen. Gemeinsam mit der Wohnungsbaugenossenschaft suchte sie nach Lösungen. Während Falk von Anfang an das neue Linoleum in Verdacht hatte, ließ die 1889 einen Heizkörper in der Wohnung austauschen, weil die Verantwortlichen vermuteten, das Probleme rühre daher. Doch nichts änderte sich. „Ich wurde gefragt, ob ich ein neues Parfüm oder Putzmittel verwenden würde und ob ich neue Möbel gekauft hätte“, erzählt Falk. Nichts dergleichen war der Fall. „Ich habe seit 20 Jahren die gleichen Möbel.“

Schwarzstaub in der Wohnung: Klage gegen Vereinigte Wohnstätten 1889 in Kassel

Dann sei ihr unterstellt worden, sie würde nicht richtig lüften, erzählt die Rentnerin. Inzwischen war der Schwarzstaub – von Fachleuten auch Fogging-Effekt genannt – für sie auch gesundheitlich zu einem Problem geworden. Falk berichtet von Kopfschmerzen, Husten- und Niesanfällen, tränenden Augen und einem pelzigen Geschmack auf der Zunge. „Ich kann nicht mehr, das ist nicht auszuhalten“, sagt Falk. Immer mal wieder quartiere sie sich für einige Tage zu Freunden oder ihren Kindern aus, weil die Belastung zu groß sei. Die Abende verbringe sie häufig unter dicken Decken bei geöffneter Balkontür.

Im Mai 2020 schaltete Falk schließlich einen Anwalt ein, weil aus ihrer Sicht die Kasseler Wohnungsbaugenossenschaft nicht adäquat reagierte. Ihr Hinweis, dass der Staub erst nach der Verlegung des neuen Linoleums – das auf das abgenutzte Linoleum verlegt wurde – aufgetreten sei und vermutlich doch in einem direkten Zusammenhang damit stehe, werde nicht ernst genommen.

Doch auch nachdem sich Falk anwaltliche Beratung geholt hatte, sollte es noch ein Jahr dauern, bis ein gerichtlicher Gutachter gefunden war, der nun die Wohnung der Mieterin unter die Lupe nehmen soll. Anfang Mai soll dieser nun Proben in der Wohnung nehmen.

Kassel: Mieterin hat nach Schwarzstaub-Problem „die Schnauze voll“

„Wegen so einer Lappalie so einen Aufwand. Ich habe echt die Schnauze voll“, sagt die 72-Jährige. Ein einfacher Austausch des Linoleums sei sicher günstiger als der Rechtsstreit samt Gutachterkosten. Allein die Arbeit des Sachverständigen und des Prüflabors wird mehrere Tausend Euro kosten.

Falk will vor Gericht neben einer Mietminderung auch für ein Schmerzensgeld streiten. An einen Auszug aus ihrer Wohnung denkt sie aber nicht. „Nach 36 Jahren zieht man nicht mehr um.“

Aus dem Briefwechsel der Anwälte geht hervor, dass die Vereinigten Wohnstätten 1889 einen Zusammenhang mit dem Linoleum bestreiten. Darüber hinaus will sich der Vorstand mit Verweis auf das laufende Verfahren aber nicht zur Sache äußern. Nur so viel: Es habe mehrere Versuche gegeben, sich anderweitig zu einigen. (Bastian Ludwig)

Das sagt ein Bau-Experte

Wir haben dem Kasseler Baubiologen und Vorstand des Verbands Baubiologie, Peter Wolff, Bilder aus der Wohnung von Frau Falk vorgelegt. Er sagt zu diesem Fall: „Auf Basis der Fotos aus der Wohnung handelt es sich hier vermutlich um den sogenannten Fogging-Effekt. Dabei lagert sich das schwarze Gemisch aus Staub und chemischen Verbindungen vorzugsweise an kälteren Stellen – meist in den Ecken der Zimmer – oder über Heizkörpern ab. Durch die aufsteigende warme Luft setzt sich der Schwarzstaub dort ab. Die Ursache für das Phänomen ausfindig zumachen, ist mit einem gewissen Aufwand verbunden. Anhand von Staubproben lassen sich zwar die enthaltenen Stoffe ermitteln, aber es ist nicht ganz einfach, diese den Baumaterialen in einer Wohnung zuzuordnen. Häufig stammen die Kleinstpartikel aus Kunststoffprodukten. Ein neuer Linoleumboden und dessen Verklebung kommen als Ursache in Frage. Ein Parfüm allein oder Möbel, erst recht, wenn sie schon Jahre vor dem Auftreten des Phänomens in der Wohnung standen, sind als Auslöser eher untypisch. Eine hohe Gesundheitsbelastung geht von dem Schwarzstaub in der Regel nicht aus. Klarheit bringt aber nur eine genauere Analyse. Oft liegt die Lösung darin, die Wände mit mineralischen Farben neu zu streichen und auf eine sehr gute Lüftung zu achten.“ (Bastian Ludwig)

Vor vielen Jahren bereits stand die Vereinigte Wohnstätten 1889 in der Kritik. Der Vorwurf damals: Mit Schimmel belastete Wohnungen sollen vermietet worden sein.

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