Welt-Down-Syndrom-Tag

Wenn Lisa tanzt: Die Geschichte einer 26-jährigen Kasselerin mit Down-Syndrom

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Auftritt der Sunny Dancers beim Kasseler Stadtfest im Vorderen Westen: Von links Trainer Pete Ezedunor mit Lisa Matthäus und Helge Ahrens.

Kassel. „Ich bin nicht behindert, ich habe nur ein Down-Syndrom", sagt die 26-jährige Lisa aus Kassel und lächelt. Eine Geschichte zum Welt-Down-Syndrom-Tag am 21. März.

Der braune Pferdeschwanz wippt im Takt der Musik. Es herrscht volle Konzentration an diesem Montagabend bei der 26-jährigen Lisa und den anderen Hip-Hop-Tänzern hier in der Tanzschule „Body and Soul“.

Anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tages feierten bereits am Wochenende rund 70 Familien mit ihren Kindern im Stadtteilzentrum Vorderer Westen ein ausgelassenes Kinderfest. Die „Sunny Dancers“ bewegen sich gekonnt zur Musik und haben dabei einen riesen Spaß. Die Begeisterung für das Tanzen ist Lisa anzusehen. „Die Bühne, die Musik, die Bewegung, das ist ihre Welt. Lampenfieber ist ihr so gut wie fremd“, meint Lisas Mutter Gudrun Matthäus.

21. Chromosom gibt es drei statt zwei Mal

Lisa ist mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen. Seit 26 Jahren begleitet sie die Genmutation, bei der das gesamte 21. Chromosom oder Teile davon dreifach vorkommen. Deshalb wird die Krankheit auch als Trisomie 21 bezeichnet. Die kognitiven Fähigkeiten sind bei Menschen mit Trisomie 21 eingeschränkt und in einigen Fällen sind auch organische Schäden vorhanden.

„Ich habe Lisa immer so behandelt wie meine anderen fünf Kinder und bin mit ihr überall hingegangen. Auch wenn die Leute manchmal komisch geguckt haben“, betont Matthäus. Sie hat sich dafür eingesetzt, dass Lisa in Waldau den städtischen Kindergarten und nicht eine spezielle Einrichtung besuchen durfte. Lisa selbst sagt: „Ich bin nicht behindert, ich habe nur ein Down-Syndrom.“ Dabei lacht sie verschmitzt.

Besondere Herausforderungen im Alltag

Seit 2012 arbeitet Lisa in der Kasseler Werkstatt I in Niestetal-Sandershausen. Sie mag ihren Job und hat einen guten Draht zu den Kollegen. „Lisa kann gut auf Menschen zugehen und spürt sofort, wenn irgendwo der Schuh drückt, sie ist sehr empathisch“, meint Matthäus. Am Wochenende trifft sich Lisa gerne mit ihrer besten Freundin Anne. Dann bestellen sie Pizza und schauen einen Liebesfilm. Sie telefonieren täglich und haben sich immer jede Menge zu erzählen.

Lesen und schreiben gelernt hat Lisa durch einen speziellen Kurs an der Volkshochschule. „Eine große Motivation für Lisa war, dass sie Textnachrichten auf ihrem Handy lesen und schreiben wollte“, so Matthäus.

Kopfzerbrechen bereitet der 66-Jährigen der Gedanke an Lisas Zukunft. „Ich würde mir wünschen, dass Lisa und ich uns langsam voneinander lösen. Es wird Zeit, dass sie zu Hause auszieht und ihre eigenen Wege geht. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich in einer Wohneinrichtung wohlfühlt. Gleichzeitig mache ich mir Sorgen, wie es Lisa ergehen wird, wenn ich mal nicht mehr da bin“, sagt Matthäus. Zum Glück könne Sie sich auf die anderen fünf Geschwister verlassen.

Seit ein paar Wochen hat Lisa einen Freund. „Er lacht immer ganz viel mit mir und ruft mich jeden Abend an“, verrät sie. Ihre Mutter sagt: „Meine Tochter hat ihren eigenen Kopf, wie jede andere junge Frau in ihrem Alter. Ich wünsche mir für Lisa, dass sie glücklich wird.“

Trisomie 21: Verein in Kassel

Der Verein „Arbeitskreis Down-Syndrom Kassel“ besteht seit 25 Jahren und ist eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Down-Syndrom und deren Angehörige. Neben individuellen persönlichen Gesprächen mit Eltern bietet der Arbeitskreis weitreichende Informationen über Therapien, Rechtsfragen und andere Themen. Er steht auch werdenden Eltern zur Seite, die ein Kind mit Down-Syndrom erwarten. „Menschen mit Down-Syndrom haben viel zu geben. Sie bereichern unser Leben und unsere Gesellschaft überall, wo sie sind. Deshalb ist der Welt-Down-Syndrom-Tag so wichtig, um Aufmerksamkeit zu erregen, um gesehen und gehört zu werden“, sagt Beate Bobke, eine der Vorsitzenden des Arbeitskreises. 

Von Mirjam Hagebölling

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