Bundesweit entfallen 800 Jobs

Wintershall: Öl- und Gaskonzern baut in Kassel 200 Stellen ab 

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Stellenabbau: Wintershall streicht in Deutschland 800 Arbeitsplätze. 

Der Kasseler Öl- und Gasförderer Wintershall und der Hamburger Ölkonzern Dea bauen im Zuge ihrer Fusion gut 1000 Stellen ab. Auch die Zentrale in Kassel ist betroffen.

Aktualisiert am 21. Februar um 18.08 Uhr - 800 Stellen der weltweit 4200 Stellen werden in Deutschland und 200 in Norwegen abgebaut. Am Kasseler Wintershall-Standort sind voraussichtlich etwa 200 der 650 Arbeitsplätze betroffen. Das teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. Kassel bleibt demnach aber weiterhin Konzernzentrale.

Die BASF-Tochter Wintershall und Dea hatten gut ein Jahr über die Konditionen für ihre Zusammenlegung verhandelt, bevor sie die Fusion im September vergangenen Jahres besiegelten. Jetzt seien die behördlichen Genehmigungen beantragt worden, teilte Wintershall mit. Der Konzern rechnet mit dem Zusammenschluss im ersten Halbjahr des laufenden Jahres.

Der größte Teil des Personalabbaus in Deutschland – rund 450 Stellen – ist an den beiden Standorten in Kassel und Hamburg geplant. Der Abbau solle dort gleichmäßig erfolgen, teilte das Unternehmen mit.

Keine betriebsbedingten Kündigungen oder Standortschließungen

Wintershall versicherte, dass es bis Ende Juni 2020 weder betriebsbedingte Kündigungen noch Standortschließungen geben werde. Der geplante Stellenabbau und die Verlagerung von Aktivitäten seien aktuell Gegenstand der Gespräche mit den Arbeitnehmervertretungen. Es werde an sozial verträglichen Lösungen für die „notwendigen Personalanpassungen“ gearbeitet.

Die Förderung in Deutschland sei aufgrund der natürlichen Erschöpfung der Lagerstätten generell rückläufig, der Ölpreis sei gleichzeitig sehr schwankend, sagte der Vorstandsvorsitzende der Wintershall, Mario Mehren. „Wir müssen uns an die Gegebenheiten anpassen und uns rechtzeitig fit für die Zukunft machen. Uns auf die wichtigsten Förderstätten konzentrieren und unsere Kosten an die sinkende Produktion anpassen.“ Das bedeute auch, den Personalstand an den heimischen Förderstandorten anzupassen.

„Wir wollen eine effiziente, noch wettbewerbsfähigere Firma werden. Wir können uns keine Doppelstrukturen leisten“, kommentierte der Vorstandsvorsitzende der Wintershall, Mario Mehren, den geplanten Stellenabbau. Welche Bereiche von den Streichungen betroffen sind, ist laut Wintershall-Sprecher Michael Sasse noch nicht entschieden. Darüber werde jetzt mit dem Betriebsrat beraten. Einschnitte seien aber überall dort möglich, „wo es Überlappungen gibt, vor allem in Verwaltungseinheiten“. Auch an Förderstandorten in Deutschland sollen Stellen abgebaut werden.

Zeitplan für Umsetzung des Abbaus gebe es noch nicht

Einen konkreten Zeitplan zur Umsetzung des Abbaus gebe es noch nicht, so Sasse. Auch er befinde sich derzeit in der Abstimmung mit dem Betriebsrat. Die IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) teilte mit, dass der Stellenabbau binnen 18 Monaten zwischen dem Vollzug der Fusion, der in der ersten Jahreshälfte 2019 erwartet wird, und dem geplanten Börsengang des neuen Gemeinschaftsunternehmens Wintershall Dea vonstattengehen solle. Die Gewerkschaft kritisierte die geplanten Einschnitte als überzogen und unrealistisch.

Auch die Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Wintershall, Birgit Böl, hält die Höhe des beabsichtigten Personalabbaus und den dafür avisierten Zeitraum für unrealistisch. „Solch hohe Abbauzahlen lassen sich nicht in so kurzer Zeit sozialverträglich erreichen“, heißt es in einer Stellungnahme. Der Abbau müsse auf ein notwendiges und sinnvolles Maß begrenzt werden, der Zeitraum für den Abbau müsse ausreichend sein. „Wir rechnen daher mit intensiven, langwierigen Verhandlungen, in denen wir von den möglichen gesetzlichen Mitbestimmungsrechten in vollem Umfang Gebrauch machen und die Interessen unserer Kollegen vertreten werden“, sagte sie.

Betriebsbedingte Kündigungen schließt Wintershall bis Ende Juni 2020 aus. Es werde über verschiedene Programme beraten, sagte Sasse. So sollten Mitarbeiter ab 55 Jahren, die frühzeitig aus dem Unternehmen ausscheiden wollten, bis zum Eintritt ins Rentenalter mindestens 70 Prozent ihres Bruttogehaltes erhalten. Böl forderte die gemeinsame Entwicklung von Instrumenten, die einen Stellenabbau auch nach diesem Datum ohne betriebsbedingte Kündigungen ermöglichten.

Bundesweit fallen der geplanten Fusion 800 Stellen zum Opfer. Unter anderem sollen am niedersächsischen Standort Barnstorf (Kreis Diepholz) 180 von aktuell 300 Stellen abgebaut werden. Der niedersächsische Dea-Standort Wietze (Kreis Celle) mit gut 50 Mitarbeitern soll geschlossen werden. Das dortige Labor und Bohrkernlager ziehen nach Barnstorf um.

Lesen Sie auch: 125 Jahre Wintershall: Die Konzerngeschichte begann mit Salz

Hintergrund: Öl- und Gasförderer Wintershall

Der Kasseler Öl- und Gasförderer Wintershall feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. 1894 gründete der Unternehmer Carl Julius Winter das Unternehmen. Heute ist Wintershall der größte deutsche Öl- und Gasproduzent. 2017 erwirtschaftete der Konzern einen Umsatz in Höhe von 3,2 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag bei 793 Millionen Euro.

Durch die Fusion mit der Konkurrentin Dea entsteht ein europäisches Branchenschwergewicht mit Sitz in Kassel und Hamburg. Analysten schätzen den Marktwert des Gemeinschaftsunternehmens, das unter dem Namen Wintershall Dea firmiert, auf etwa 14 Milliarden Euro. Sitz der künftigen Geschäftseinheit für die Öl- und Gasproduktion der Wintershall Dea in Deutschland wird Hamburg sein. Die Bereiche Strategie und Akquisitionen, die Rechts- und Personalabteilung, Konzernkommunikation, Informationstechnologie, Innovation und Forschung sowie die Globale Exploration und Globale Produktion behalten ihren Sitz in Kassel.

Auch das Gastransportgeschäft bleibt weiter in Kassel. Die Transport-Gesellschaft Gascade mit 450 Mitarbeitern behalte ihren hiesigen Sitz, teilte Wintershall mit. „Kassel ist für uns eine ideale Mischung aus Weltverbundenheit und bodenständiger Heimat. Unsere weltweiten Geschäfte führen wir als Wintershall von Kassel aus und sind der Stadt als Unterstützer und Förderer von vielen Kultur-, Sozial- und Bildungsprojekten eng verbunden. Das wird so bleiben. Wir sind hier Zuhause!“, betonte der Vorstandsvorsitzende der Wintershall, Mario Mehren. Mit der Fusion der Kasseler Wintershall und der Hamburger Dea entsteht laut Wintershall das größte unabhängige Gas- und Ölunternehmen Europas. 

Die durchschnittliche Tagesproduktion von Wintershall und Dea von zusammen rund 575.000 Barrel Öläquivalent will das neue Unternehmen Wintershall Dea um 40 Prozent auf künftig 800.000 Barrel zwischen den Jahren 2021 und 2023 steigern und 200 Millionen Euro pro Jahr bei Betrieb, Investitionen und Personal einsparen.

Hier befindet sich die Wintershall-Zentrale in Kassel:

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