Friedrich-Ebert-Straße

Ortsvorsteher fordert Polizeipräsenz auf Kassels Partymeile: „Wir brauchen Grenzen“

Platz der elf Frauen
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Ein Sonntagmorgen auf dem Platz der elf Frauen in Kassel: Dieses Foto entstand vor einigen Wochen, nachdem die Flaschensammler die Pfandflaschen bereits entfernt hatten. (Archivfoto)

Das Problem ist alt: Anwohner der Friedrich-Ebert-Straße beschweren sich über die Menschen, die auf Kassels Partymeile bis in den frühen Morgen feiern.

Kassel – In diesem Sommer hat es besonders viele Beschwerden von Anwohnern der Friedrich-Ebert-Straße gegeben über Lärm, Müll und Gestank. Auch nach dem vergangenen Wochenende in Kassel. Über die Problematik sprachen wir mit Steffen Müller, dem Ortsvorsteher des Vorderen Westens.

Seit wann bekommen Sie Beschwerden von Anwohnern der Friedrich-Ebert-Straße in Nähe der Partymeile?
Das Problem war schon immer da. Ich bin seit zehn Jahren im Ortsbeirat und seit acht Jahren Ortsvorsteher. Seitdem hat das Thema uns immer wieder beschäftigt, wir haben etliche Beschlüsse dazu gemacht, den letzten vor drei Monaten. Da haben wir gefordert, dass die Polizei dauerhaft an den Wochenenden mit einem Bulli und mehreren Beamten auf dem Platz der elf Frauen präsent ist.
Bislang haben wir aber weder eine Antwort von der Polizei noch von der Stadt Kassel bekommen. Das frustriert. Egal, was wir im Ortsbeirat beschließen, es passiert nichts. Ich kann ja nicht privat auf die Partymeile gehen und mich dort als Sheriff aufspielen.
Die Polizei soll also für Ordnung unter den Feiernden sorgen?
Wenn sich ein Ort zum Feierort entwickelt, dann ist das erforderlich. Das funktioniert in anderen großen Städten, wie zum Beispiel Frankfurt oder Hamburg genauso. An der Reeperbahn ist die Polizei zum Beispiel dauerhaft stationiert, um sofort eingreifen zu können.
Und am Platz der elf Frauen sehen Sie auch diese Notwendigkeit?
Wir haben auf der Partymeile mittlerweile Messerstechereien. Anwohner berichten mir von massivem Drogenhandel, Sex vor ihrer Haustür und sogar Prostitution auf dem Spielplatz am Motzberg. Ich weiß aber nicht, ob das mit der Prostitution tatsächlich stimmt. Wenn die Polizei vor Ort ist, dann kann sie an der Friedrich-Ebert-Straße direkt eingreifen. Die Leute fragen mich immer wieder, warum wir keine neuen Gesetze machen, um dem Treiben Einhalt zu gebieten.
Aber wir brauchen keine neuen Gesetze. Schlägereien, Drogenhandel und Flaschenwerfen sind jetzt schon verboten. Wenn ein Polizist auf dem Platz steht, dann trauen sich die Leute auch nicht mehr, gegen eine Schaufensterscheibe zu pinkeln. Wenn die Polizei jetzt zu einer Schlägerei gerufen wird, ist sie erst nach 20 Minuten vor Ort. Dann ist schon wieder alles vorbei.
Kennen Sie Bewohner, die deshalb schon weggezogen sind?
Es haben mir schon einige erzählt, dass sie wegziehen wollen. Aber die wohnen immer noch hier. Wenn es aber so weitergeht, kann das durchaus passieren. Bewohner der GWH-Hochhäuser berichten, dass ihre Fahrstühle mittlerweile an den Wochenenden als Toilette benutzt werden, für das komplette Geschäft. Wenn sie morgens vor die Tür gehen, ist alles voller Müll und Unrat. So will man seinen Sonntag nicht beginnen.
Wie erklären Sie sich die Eskalation?
Seit zwei Jahren wird es an der Friedrich-Ebert-Straße schlimmer. Die Zahl der Leute, die am Wochenende hier her kommen, hat sich nach meiner Einschätzung verdoppelt. Inzwischen kommen auch immer mehr Feiernde aus dem Landkreis. Früher sind viele Leute in die Goethe- und Beckettanlage gegangen. Mittlerweile konzentriert sich alles auf den Platz der elf Frauen. In der Goetheanlage ist es mittlerweile ruhiger. Da habe ich in diesem Jahr noch gar keine Beschwerden von Anwohnern bekommen. Weil die Konzentration am Platz der elf Frauen mittlerweile so gewaltig ist, muss auch dort kontrolliert werden.
Es gibt Anwohner, die fordern ein Alkoholverbot. Was halten Sie davon?
Ich bin kein Freund von Alkoholverbotszonen. Das sind dann nämlich Billig-Alkoholverbotszonen. Leute, die es sich leisten können, gehen gegenüber in die Kneipen, und trinken dort etwas. Es muss auch Plätze geben, wo Menschen hingehen können, die kein Geld für die Kneipe haben. Zudem funktionieren Alkoholverbotszonen nicht. Das sieht man an der Goetheanlage, wo es seit zehn Jahren dieses Verbot gibt und gar nichts gebracht hat. Es lohnt sich nicht, weitere Gesetze und Verbote zu beschließen, wenn keiner da ist, der sie kontrolliert.
Sie wollen den Menschen aber das Feiern nicht verbieten?
Nein. Vor 500 Jahren hat sich die Jugend auch schon am Dorfbrunnen getroffen und betrunken. Als Stadtplaner möchte ich den öffentlichen Raum ja gerade so gestalten, dass sich die Leute dort gern aufhalten. Wir wollen ja schöne Plätze wie hier im Vorderen Westen schaffen. Das gemeinsame Trinken ist ja nicht das eigentliche Problem, sondern das übermäßige Trinken.
Wenn die Leute an der Friedrich-Ebert-Straße betrunken sind, werden sie zu laut und dann kippt gegen 1 Uhr nachts die Stimmung. Aber es muss Orte geben, an denen gefeiert werden darf. Aber diese müssen kontrolliert werden. Ansonsten sind es rechtsfreie Räume, wie momentan der Platz der elf Frauen. Wir brauchen Grenzen. Die gibt es bei der Geschwindigkeit im Straßenverkehr ja auch. Wenn es keine Grenzen gibt, kommt es leider zu Eskalationen.

(Ulrike Pflüger-Scherb)

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