Insolvenz im Nacken - Beispiel A44

Insolvenz im Nacken: Auflagen treiben Firmen in Liquiditätsengpässe

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Stillstand: Selbst zwei Wochen nach der Pleite der Baufirma Alpine ruht die Baustelle auf der A44-Autobahnbrücke Rauschenberg bei Waldkappel. Strenge Vorleistungsauflagen führen immer wieder zu Problemen.

Kassel. Zwei Wochen sind seit Insolvenz der Baufirma Alpine vergangen - die A44-Baustelle zwischen Eschwege und Kassel an der Rauschenbergbrücke ruht noch immer. So wie eine Firmenpleite ein Brückenbau unterbrechen kann, so kann ein Großprojekt auch eine internationale Baufirma in den Abgrund reißen.

Für die Handwerkskammer Kassel (HWK) ist das mit Blick auf die Region ein Alarmsignal. „Die Vertrags- und Vorleistungsregelungen sind längst zu einem permanenten Problem für Baufirmen und das Handwerk geworden“, sagt HWK-Präsident Heinrich Gringel. Das Problem: Vergibt - wie beim Bau der A44 - die öffentliche Hand Aufträge, unterliegen Firmen der Vertrags- und Vergabeordnung für Bauleistungen (VOB).

Hier wird geregelt, was ein Auftragnehmer im Vorfeld der Projektausführung zu leisten hat. Neben einer Vertragserfüllungs- und einer Gewährleistungsbürgschaft müssen beauftragte Firmen sämtliche Investitionen für die Realisierung eines Projektes vorstrecken - Materialkosten, Betriebskosten, Verwaltungs- und Planungskosten, Personalkosten und Kreditkosten.

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„Selbst bei noch überschaubaren Aufträgen bis zu rund 300 000 Euro häufen sich schnell sechsstellige Summen an, die der Bauunternehmer aus eigenen Mitteln oder über Kredite vorleisten muss“, sagt Gringel. Entlastung bringe erst die erste Abschlagzahlung des Auftraggebers. „Die spült aber meist erst nach etwa drei Monaten frisches Geld aufs Firmenkonto, und dann längst nicht alles“, sagt Gringel. Vor allem, wenn Unternehmen gleich mehrere Bauprojekte parallel abwickelten, könne es schnell zu gefährlichen Liquiditätsengpässen kommen.

Zwar sind in Nordhessen in diesem Zusammenhang noch keine Insolvenzen bekannt geworden. „Aber aus Gesprächen mit Mitgliedsunternehmen wissen wir, dass der Auflagendruck den Firmen in Nordhessen sehr zu schaffen macht“, sagt Bernd Blumenstein, Abteilungsleiter der HWK-Betriebsberatung. Die Lage sei ernst.

Archiv-Fotos: Startschuss für Bauarbeiten am A 44-Tunnel

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So sollten wenigstens die Materialkosten vom Auftraggeber sofort übernommen werden, schlägt Gringel vor. Auch biete sich eine Verkürzung der Intervalle für Abschlagszahlungen an.

Inwieweit diese Vorschläge in der Politik auf Interesse stoßen, kann auch der HWK-Präsidenten nicht sagen. Sicher ist: „Der Fall Alpine an der A44 gibt zu Bedenken“, sagt Gringel. Zu Insolvenzen bei heimischen Firmen will er es erst gar nicht kommen lassen.

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Hintergrund: Vorleistungen

Bei einem 300 000-Euro-Auftrag ergeben sich folgende Vorleistungen:

• Vertragserfüllungsbürgschaft (5 Prozent des Auftragswertes) = 15 000 Euro

• Gewährleistungsbürgschaft (bis zu 5 Prozent des Auftragswertes, muss vier Jahre vorgehalten werden) = 15 000 Euro

• Materialkosten = 60 000 Euro

• Personalkosten = 60 000 Euro (fünf Mitarbeiter, zwei Monate lang beschäftigt)

Bis zum Ende der ersten Bauphase hat der Unternehmer also bereits 150 000 Euro vorausgeleistet - meist per Kredit.

• Zinsen = 1300 Euro (werden nicht erstattet)

Erst dann kann er erstmals eine Abschlagsrechnung stellen. Die Bearbeitung einer solchen Rechnung darf 18 Werktage nicht überschreiten. Somit bekommt der Unternehmer erst nach gut drei Monaten sein Geld. Die Gefahr einer Insolvenz ist vor allem dann gegeben, wenn das Unternehmen gleich mehrere Aufträge parallel vorzufinanzieren hat. (bon)

Von Boris Naumann

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