Vellmarer wehren sich gegen Höchstalter

Zu alt für den Vorstand? Klage gegen die Kirche

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Die Rebellen aus Vellmar (von links) Reinhild Ullmann, Jutta Bickel, Dieter Möller, Edda Winterberg und Gunnar Böhle. Die Johanneskirche in Vellmar verklagt die Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. Mit diesem wohl einmaligen Schritt will sich der Kirchenvorstand der Gemeinde gegen eine für ihn unsinnige Regelung im Kirchenrecht wehren: Wer älter als 70 Jahre ist, darf nicht mehr zum Kirchenvorstand gewählt werden.

Kassel/Vellmar. Die Johannesgemeinde in Vellmar verklagt die Evangelische Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. Mit diesem ungewöhnlichen Schritt will sich der Kirchenvorstand gegen eine aus seiner Sicht unsinnige Regelung im Kirchenrecht wehren.

Wer älter als 70 Jahre ist, darf nicht mehr zum Kirchenvorstand gewählt werden. Eine der Initiatoren der Klage ist Edda Winterberg. Sie ist in der Vellmarer Gemeinde im Vorstand und über 70 Jahre alt. Nicht nur sie fühlt sich diskriminiert. Sie sagt: „In unserer Kirche gibt es ein Verfallsdatum für ältere Menschen, die gemeinnützige Arbeit leisten.“

Bischof Martin Hein hat für das Ansinnen, das Grundgesetz der Kirche zu ändern und die Wahlen zum Kirchenvorstand auch für über 70-Jährige zu öffnen, Verständnis. In einem Brief an die Vellmarer Gemeinde schreibt er: „Wie Sie wissen, teile ich Ihre Meinung, dass die bislang für das passive Wahlrecht geltende Altergrenze von 70 Jahren nicht mehr zeitgemäß ist.“

Aber die Landessynode (das Parlament der Kirche) habe entspechende Anträge mehrfach abgelehnt, schreibt Hein. Die für die Änderung der Grundordnung der Kirche notwendige Zweidrittel-Mehrheit sei so nicht erreicht worden.

Genau das regt die Klageführer nun auf. Auch bei der letzten Synode wurde über die 70er-Regelung abgestimmt. Die Synode hat per Kirchengesetz 93 Mitglieder, zwei Drittel davon wären 62 Mitglieder. So viele hätten für die Änderung stimmen müssen. Zur Abstimmung waren aber nur 84 Synodale im Raum, davon stimmten 57 für den Wegfall der Altergrenze. Die Zwei-Drittel-Mehrheit wurde somit verfehlt. Edda Winterberg: „Da kann eine Minderheit eine Zwei-Drittel-Mehrheit verhindern, indem sie einfach den Raum verlässt.“

Die Klage muss zunächst vom Kirchengericht in Kassel verhandelt werden. Scheitert sie, wollen die Vellmarer bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen.

Von Frank Thonicke

Weitere Informationen zur Klage des Kirchenvorstands in der gedruckten Dienstagsausgabe.

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