Kasseler Waffenbörse: Hitlers Gesicht überklebt - Nazi-Objekte im Verkauf

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NS-Devotionalien gingen weg wie warme Semmeln: Händler Claudio Gabriele hat die Uniform eines NS-Ortsgruppenleiters an einen französischen Sammler verkauft.

Kassel. Der Verkaufsstand von Claudio Gabriele auf der Internationalen Waffenbörse in den Messehallen gleicht auf den ersten Blick einem Trödelladen: Vitrinen, alte Bilder, aufgereihte Bierseidel, Souvenir-Klimbim. Doch schnell ist klar: Ein Großteil seiner Ware sind Nazi-Devotionalien.

So wie die komplette Uniform eines NS-Ortsgruppenleiters. Der italienische Händler bietet sie nicht verschämt, sondern als Blickfang seines Standes an. Ganz legal: Sämtliche Nazi-Symbole sind fein säuberlich abgeklebt, ob auf Orden oder Textilien, sogar auf den Zinnsoldaten.

„Es ist aberwitzig, aber so ist das Gesetz.“

So ist es in Deutschland und Österreich gesetzlich vorgeschrieben. Dagegen sei er in Italien dazu nicht verpflichtet, sagt Gabriele, auch nicht in England oder in den USA. „Es ist aberwitzig, aber so ist nun mal das Gesetz“, sagt Hartmut Bierwirth vom Kasseler Ordnungsamt zur Vorschrift, dass Nazi-Devotionalien zwar verkauft werden dürfen, aber nur, wenn die Symbole abgeklebt sind.

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Auf den Bildern an Gabrieles Stellwänden ist sogar das Gesicht des Abgebildeten überklebt. Es ist das Gesicht Adolf Hitlers.

Ein Kunde für Gabrieles Uniform lässt nicht lange auf sich warten: ein französischer Sammler steuert den Stand direkt an und zahlt einen Preis, über den der Händler nicht reden möchte. Zur Orientierung: Am Nachbarstand gibt es eine große Auswahl an NS-Ärmelbändern. Eines mit der Aufschrift „Führer-Hauptquartier“ ist mit 4000 Euro ausgezeichnet. Die Preise seien Verhandlungssache und nach oben offen, sagt ein Händler. Den Wehrpass eines einfachen Soldaten könne man schon für 30 Euro erwerben. Hat der Soldat einem Sonderkommando gedient und war in einem Konzentrationslager eingesetzt, müssten mehrere hundert Euro bezahlt werden. Die Kunden aus allen gesellschaftlichen Schichten kämen aus aller Welt, in den letzten Jahren verstärkt aus Russland.

Insgesamt haben 20 Prozent aller 270 Händler auf der Waffenbörse NS-Gegenstände im Angebot, sagt Börsen-Veranstalter Wolf Krey. Sie fänden einen guten Absatz und würden neben Sammlern auch von Museumskuratoren und Filmausstattern gekauft. Einer dieser Sammler ist auch der etwa 50-Jährige aus Bayern: sportlich, mit Jeans bekleidet. In seinen Ohren glitzert Schmuck, der stark an die Form von SS-Runen erinnert. Er habe mit zehn Jahren angefangen, Briefmarken zu sammeln, erzählt er.

20.000 Besucher auf Waffenbörse in Kassel erwartet

 © Bernd Schoelzchen
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Später sei daraus eine Leidenschaft für Orden und Militaria aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs geworden. Zu Hause stelle er nichts aus. „Das wollte meine Frau nie - auch wegen der Kinder.“ Mit Gleichgesinnten habe er ein kleines Militaria-Museum gegründet: „Bei mir ist das rein geschichtliches Interesse“, betont er. Von Neo-Nazis distanziere er sich. „Die haben doch dafür gar kein Geld und kaufen sich höchstens Reproduktionen.“

Die Waffenbörse ging am Sonntag zu Ende und zählte 20 000 Besucher.

Hintergrund: Man darf kaufen, aber nicht zeigen

Sowohl der Besitz von als auch das Eigentum an und der Handel mit NS-Devotionalien wie historischen Orden, Uniformen, Waffen und Büchern sind legal möglich, auch wenn die Objekte mit Hakenkreuzen oder anderen nationalsozialistischen Symbolen versehen sind. Lediglich das Herstellen und die Einfuhr aus dem Ausland sind nach Paragraf 86 ff. Strafgesetzbuch verboten.

Außerdem ist es verboten, mit diesen Symbolen versehene Objekte öffentlich mit sich zu führen und zu zeigen. Die größten Produzenten und Exporteure von NS-Symbolen in Europa sind nach Informationen von n-tv polnische Hersteller. SS-Abzeichen, Hakenkreuze, Hitler-Büsten und anderes würden im Internet als auch auf Flohmärkten angeboten - und finden viele Abnehmer. (chr)

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