Ortsvorsteher erschrocken über Ergebnis

Nach Bundestagswahl: 19,1 Prozent für die AfD in Kassels Stadtteil Waldau

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In der Breslauer Straße in der Waldauer Plattenbausiedlung: Ein AfD-Plakat mit dem Slogan „Unser Land, unsere Regeln!“ prangt vor der Fassade eines Wohnhauses. 

Kassel. Im Stadtteil Waldau wählte beinahe jeder fünfte Wähler die AfD. Wir haben uns mit Ortsvorsteher Joachim Bonn (SPD) zwischen Plattenbau und Fachwerk auf Spurensuche begeben.

Entlang der Breslauer Straße in der Waldauer Plattenbausiedlung hängen auch an den Tagen nach der Bundestagswahl noch Plakate der AfD. „Unser Land, unsere Regeln!“ oder „Einwanderung ist ein Privileg – kein Recht!“ ist auf ihnen zu lesen. Die Alternative für Deutschland ist der große Gewinner dieser Wahl. Vor allem hier, im Kasseler Südosten, wo mit 19,1 Prozent fast jeder fünfte Wähler seine Zweitstimme der AfD gegeben hat, wirft das Wahlergebnis Fragen nach gesellschaftlicher Entzweiung und dem politischen Klima auf.

Angesprochen auf mögliche Gründe für das gute Abschneiden der Rechtspopulisten in ihrem Stadtteil, sagen die Menschen in der als Neu-Waldau bezeichneten Siedlung: „Das ist mir egal“, „ich habe nicht gewählt“ oder „ich weiß nicht“. 

Ortsvorsteher von Waldau: Joachim Bonn (SPD) lebt schon seit 1964 im Stadtteil.

Ortsvorsteher Joachim Bonn (SPD), pensionierter Polizist und seit 1964 im Stadtteil zu Hause, war erschrocken über das Ergebnis. Er hätte das Wahlverhalten in seinem Stadtteil, den er als tolerant, friedfertig und aufgeschlossen beschreibt, anders eingeschätzt.

Bonn glaubt an einen Schneeballeffekt. Probleme, die auf Bundesebene diskutiert würden, die die Menschen in Waldau in vielen Fällen aber gar nicht direkt beträfen, könnten Sorgen und Zukunftsängste auslösen, durch die sich viele bedroht fühlten. „Wenn ich Angst habe oder mich angegriffen fühle, verfalle ich in Panik. Viele gehen dann in den Angriff über, in diesem Fall heißt dieser Angriff: ’Ich wähle AfD’“, erklärt Bonn.

Partei-Hochburgen in Kassel

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In Waldauer Plattenbau leben 48 Nationalitäten

Die AfD-Gruppe sei im Verborgenen an der örtlichen Politik vorbei gewachsen – und zwar quer durch Waldau, glaubt der ehemalige Polizist. Das schließt auch Alt-Waldau, das ehemalige Bauerndorf mit den Fachwerkhäusern, mit ein. 

Das Verhältnis zwischen den alten Waldauern und den Neu-Waldauern bezeichnet Bonn trotz der langen gemeinsamen Geschichte – die ersten Einwanderer kamen Ende der 1960er-Jahre – als gespalten. In der Wohnstadt Waldau genannten Plattenbausiedlung leben etwa 4000 Menschen 48 verschiedener Nationalitäten, zum Teil in zweiter oder dritter Generation.

Hört man sich vorm örtlichen Einkaufszentrum um, fallen die Reaktionen auf das Wahlergebnis recht einheitlich aus. 

Arbeitet in Waldau: Sonja Schmidt.

„Erschüttert“, sei Sonja Schmidt, die in Waldau arbeitet. Die 54-Jährige aus Großalmerode glaubt, dass die Feindlichkeit gegenüber Ausländern stark gestiegen sei und dass es eine dringende Aufgabe der neuen Regierung sei, für mehr Aufklärung zu sorgen.

„Die Leute scheinen aus irgendeinem Grund Angst davor zu haben, dass ihnen die Flüchtlinge Jobs wegnehmen“, sagt Omar Dergui (46), der im Kasseler Ausländerbeirat sitzt. 

Lebt in Waldau: Omar Dergui.

Doch was fängt man nun auf lokaler Ebene mit diesem Ergebnis an? „Es braucht den Mut derer, die die AfD gewählt haben, sich zu outen und lokale Politiker, denen sie noch ein Stück weit vertrauen, anzusprechen und um Hilfe in ihren Angelegenheiten zu bitten“, sagt Bonn. Nur dann könnten diese Anliegen auch an zuständige Stellen, Ämter und zukünftig an Timon Gremmels nach Berlin weitergeleitet werden.

Auf dem Weg durch das alte Waldau erzählt Bonn Geschichten über die Fachwerkhäuser und die Landwirte, die dort lebten. Vor einem hängt ein Plakat von Manfred Mattis, dem Kasseler Direktkandidaten der AfD. Er bekam in Waldau 18,3 Prozent der Erststimmen. Mehr waren es mit 18,8 Prozent nur in Oberzwehren.

Die große Übersicht zur Bundestagswahl 2017: So hat die Region gewählt

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