„Bei mir zählt nur der Mensch“

Darum ist es für diese Kirmesmutter okay, wenn sie „Frau Kirmesvater“ genannt wird

2017 wurde Sabine Bauer als erste Frau zum Kirmesvater gewählt und auch so genannt, obwohl sie ja eine Kirmesmutter ist. Auch Oberbürgermeister Christian Geselle gratulierte.
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Historische Stunde bei der Waldauer Entenkirmes: 2017 wurde Sabine Bauer als erste Frau zum Kirmesvater gewählt und auch so genannt, obwohl sie ja eine Kirmesmutter ist. Auch Oberbürgermeister Christian Geselle gratulierte.

Auch im Zeitalter der gendergerechten Sprache wird die Chefin der Entenkirmes in Kassel-Waldau „Frau Kirmesvater“ genannt. Nicht nur sie findet das völlig okay.

Kassel – Wenn am Wochenende in Waldau in abgespeckter Form Entenkirmes gefeiert wird, ist an der Spitze fast alles wie immer: Mit Jürgen Röhrl ist wieder ein Mann Kirmesvater. Er löst Sabine Bauer ab, die 2017 nach 50 Jahren als erste Frau zur Chefin gewählt worden war. Trotz ihres Geschlechts wurde sie Frau Kirmesvater genannt. Fördervereinspräsident Ulrich Freudenstein gibt zu, dass das in Zeiten gendergerechter Sprache „ein bisschen altbacken wirkt“. Aber weder Bauer noch andere Waldauerinnen hatten etwas dagegen. Wir sprachen mit der gerade aus dem Amt geschiedenen Kirmesmutter, äh, Frau Kirmesvater, die oft auch nur „Frau KV“ genannt wurde.

Wie ist es, bei der Waldauer Entenkirmes Geschichte geschrieben zu haben?
So historisch fühle ich mich gar nicht. Als ich gewählt wurde, habe ich mir noch ein bisschen Sorgen gemacht. Ich habe mich gefragt: „Kriege ich das als Frau gut hin?“ Denn es gab auch Kritiker, die nicht so begeistert waren, dass erstmals kein Mann an der Spitze steht.
Was mussten Sie sich anhören?
Manche sagten: „Muss das denn jetzt sein, dass wir eine Frau bekommen? Und dann ist die noch nicht mal aus der Freiwilligen Feuerwehr, wie es üblich ist.“ Ich bin ja nur Mitglied des Fördervereins. Aber ich denke, mit meiner weiblichen Art habe ich es zwar anders, aber nicht schlechter gemacht.
Was haben Sie als Frau anders gemacht?
Ich bin deutlich emotionaler rangegangen. Das ist meinem Geschlecht geschuldet, denke ich. Zudem habe ich Wert darauf gelegt, dass alle Kasseler Volksfeste an einem Strang ziehen. Geboren bin ich am 11. 11., dem Auftakt zum Karneval. Weil ich in Wehlheiden aufgewachsen bin, bin ich auch der Kirmes dort verbunden. Und den Zissel habe ich als Zisselprinzessin und Zisselkönigin repräsentiert. Als Kirmesvater von Waldau habe ich mit den Zisselhoheiten, dem Wehlheider Kirmespaar und dem Karnevalsprinzen 500 Euro für das Mehrgenerationenhospiz gesammelt. Dieses Mütterliche und Gemeinschaftliche zeichnen mich wohl aus.
Nun haben Sie das Amt nach drei Jahren an Ihren Nachfolger Jürgen Röhrl abgegeben.
Länger darf man bei uns nicht amtieren. Normalerweise kandidiert man in Waldau für zwei Jahre und hängt dann noch eins dran, wenn man noch mal gewählt wird. Ich habe es umgekehrt gemacht und erst mal nur für ein Jahr kandidiert. Da kann man nicht so viel kaputt machen, wenn es gar nicht angenommen worden wäre.
Andernorts heißen Frauen an der Spitze des Kirmesteams Kirmesmutter. Warum wurden Sie Frau Kirmesvater genannt?
Weil das Amt bei uns so heißt. Nicht ich als Person, sondern das Amt sollte im Vordergrund stehen. Ich bin auch ein Kirmesbursche und kein Kirmesmädchen. Die Kirmesburschen rekrutieren sich aus der Freiwilligen Feuerwehr, wo mal mehr und mal weniger Mädchen dabei sind. Bei der Sprache gibt es in Waldau keine Geschlechtsunterschiede.
Vielerorts wird über gendergerechte Sprache diskutiert. Auch im Kasseler Rathaus sollen bald alle Geschlechter gleichwertig angesprochen werden. Wie finden Sie das?
Mich stören die männlichen Formen absolut nicht. Für mich zählt nur, wer ich bin und was ich leiste. Ob jemand ein Mann oder eine Frau ist, schwarz oder weiß, hetero- oder homosexuell, ist egal. Bei mir zählt nur der Mensch.
Die Grünen-Politikerin Claudia Roth legt Wert darauf, dass sie als Bundestagsvizepräsidentin angesprochen wird und nicht als Frau Bundestagsvizepräsident. Können Sie das verstehen?
Ich akzeptiere diesen Wunsch. Wenn Frau Roth das für sich in Anspruch nehmen möchte, bitteschön. Ich muss mich aber nicht profilieren. Die meisten Frauen, mit denen ich darüber gesprochen habe, sehen das ähnlich.

Von Matthias Lohr

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