Stadt Kassel will sich mit Thema auseinandersetzen

Diskussion um Waldemar-Petersen-Straße in Waldau: Namensgeber war ein Nazi

Das Buch-Cover zeigt Waldemar Petersen.

Kassel. Wer war Waldemar Petersen, nach dem in Waldau eine nicht unbedeutende Wohnstraße mit Hunderten von Anwohnern benannt ist? Er war ein NS-Rüstungsmanager, dem die Ehrung durch einen Straßennamen dringend abgesprochen werden müsse, meint Dr. Manfred Efinger, Kanzler an der Technischen Hochschule in Darmstadt.

Vor einem Monat ist Efingers Biografie über Petersen erschienen. Nach vier Jahre dauernden Recherchen legt er zweifelsfrei dar, dass es sich bei Petersen, einem ehemaligen Kanzler der TH Darmstadt, um einen hohen Funktionär mit brauner Vergangenheit handelt. Petersen habe an vorderster Front der Nazi-Kriegswirtschaft für den Erfolg des NS-Regimes gearbeitet. Er sei ein Top-Manager der „von Juden gesäuberten“ Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (AEG) in Berlin gewesen, so Efinger. Dass Petersen ein Nazi-Manager war, hätte man durch eine wenig aufwendige Internetrecherche herausfinden können, lautet seine Kritik.

Unter Nazigrößen: Die Versammlung an Bord der Cap Arcona, Oktober 1943, zeigt vorn (von links) den Gauleiter von Thüringen und Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel, Großadmiral Karl Dönitz, Minister Albert Speer und Generaloberst Friedrich Fromm. Zwischen Dönitz und Sauckel sieht man das lachende Gesicht Waldemar Petersens.

Der 1880 als Sohn eines lutheranischen Pfarrers in Athen geborene Petersen war seit 1926 Vorstandsmitglied der AEG. Er war „Unternehmer und Rüstungsmanager“, ist im Internet-Dienst Google zu lesen. Er starb 1946 in Darmstadt, wo er von 1921 - 1923 Rektor der TH war. „Ab dem 20. April 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war Petersen als Wehrwirtschaftsführer tätig und damit die treibende Kraft bei der Mobilisierung der AEG-Forschung für militärische Anwendungen“.

Für Efinger besteht kein Zweifel: Petersen hat von den Nazi-Verbrechen in den Konzentrationslagern gewusst. „Jemand, der eine solche Funktion hat, wusste, was los war.“ Petersen habe durch die Papiere, die er aus dem Ministerium von Albert Speer bekommen hatte, große Zugangsrechte, man musste ihm jede Art von Hilfe gewähren.

Lexikon-Wissen:

Weitere Informationen zu Waldemar Petersen finden Sie im Regiowiki.

Den Impuls zur Recherche gab Efingers Berufung zum Kanzler an der TH Darmstadt 2008. Überall stieß er auf den Namen Waldemar Petersen. Die Straße zum Uni-Campus war noch in den 60er-Jahren nach Petersen benannt worden, nachdem zuvor eine Straße in Darmstadts Innenstadt Waldemar-Petersen-Straße hieß. Auch eine Stiftung und ein Gebäude trugen seinen Namen. Efinger befand bald: „Es darf nicht sein, dass Petersen auf diese Weise auch noch geehrt wird.“ Es gehe nicht um ein Verdammen, aber um ein Umdenken. Die Stadt Darmstadt reagierte sofort: Vor einem Jahr verschwand der Name Waldemar Petersen vom Stadtplan. Efinger: „Das war allerhöchste Zeit.“ Seines Wissens gibt es nur noch in Kassel eine Waldemar-Petersen-Straße. In Kassel reagiert man überrascht: „ Wir sind für den Hinweis auf die Publikation Efingers und deren Aussagen dankbar“, sagt Stadtsprecherin Petra Bohnenkamp auf HNA-Anfrage: „Wir werden uns mit dem Thema auseinandersetzen.“ „Ich habe mir nie Gedanken über die Biografie Petersen gemacht“, sagt auch Waldaus Ortsvorsteher Joachim Bonn. Das werde sich jetzt ändern.

Manfred Efinger: Waldemar Petersen. Athen. Darmstadt. Berlin. Justus von Liebig-Verlag, Darmstadt, 24,80 Euro

Kartenansicht: Waldemar-Petersen-Straße

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