Die Wohnstadt Waldau wandelt sich – Kneipen und Sportsbars prägen nun das Zentrum

Einkaufen – das war einmal

Joachim Bonn

Waldau. Trist sieht das Einkaufszentrum in Waldau an der Breslauer Straße aus. Der ganze Komplex, hufeisenförmig angelegt, versprüht den Charme eines maroden Flachbaus aus den 1970er-Jahren. Waschbetonplatten im Innenhof, die Seitenwände sind gekachelt wie auf einer Toilette.

„Das ganze Ensemble hier hat sich sehr zum Schlechten entwickelt“, sagt Birgit Widder. Seit 14 Jahren führt sie hier einen Tante-Emma-Laden mit Post- und Lotto-Stelle. Doch Ende April hört sie auf. „Es ist hier einfach nicht mehr auszuhalten“, sagt sie. Die Post- und Lotto-Stelle wird der Innenausstatter Ingo Jorch gegenüber übernehmen.

Zwei Sportsbars, zwei Döner-Buden, eine Kneipe und ein Dart-Club prägen inzwischen die Ladenzeile. Entsprechend hat sich das Publikum geändert. Dicke Gitter vor den Türen schützen vor Vandalismus. An die alten Zeiten erinnern nur noch Birgit Widders Tante-Emma-Laden, ein Reisebüro, ein Supermarkt mit russischen Spezialitäten und das Fachgeschäft von Ingo Jorch.

„Vor 15 Jahren gab es hier noch einen Fleischer, einen Schuhladen, ein Modegeschäft, einen Friseur, eine Bäckerei und sogar einen Arzt“, sagt Ortsvorsteher Joachim Bonn, „insgesamt ein rundes Angebot.“ Doch nichts davon sei mehr da. Die entstandenen Lücken stopfe bereits seit Jahren der Rewe-Markt im Nachbargebäude gegenüber.

Neun Eigentümern gehört das Einkaufszentrum, das von der Kasseler Immobilien-Gesellschaft Göbel & Walter verwaltet wird. „Wir kümmern uns um den gemeinsamen Besitz wie das Dach, den Hof und den Parkplatz“, sagt Geschäftsführer Sven Göbel. An wen aber die Eigentümer vermieten, sei nicht die Aufgabe des Verwalters. „Fakt ist, dass sich inzwischen in Waldaus Wohnstadt die Klientel stark geändert hat – und die bestimmt jetzt das Angebot.“

Keinesfalls lasse man das Einkaufszentrum verkommen. „Erst kürzlich haben wir 50 000 Euro in die Sanierung des Dachs gesteckt“, sagt Göbel. Die Verschönerung des Innenhofs schlage mit 80 000 Euro zu Buche. Doch so viel Geld müsse erst einmal erwirtschaftet werden. „Tatsache ist, dass die Bereitschaft für Investitionen bei den Eigentümern sinkt, wenn alles, was geschaffen wird, wieder kaputt gemacht wird“, sagt Göbel. Erst kürzlich seien für viel Geld Steinkörbe mit Zierpflanzen im Hof aufgestellt worden. „Die Pflanzen wurden herausgerissen, die Drahtkörbe aufgeschnitten und die Steine in der Gegend herumgeworfen“.

„Kein Einzelfall“

„Kein Einzelfall“, sagt Bonn. Auch er hat Sorge, dass sich die Wohnstadt Waldau in eine Richtung entwickelt, die nicht mehr aufzufangen ist. „Der Umgang hier hat sich stark verändert. Alles ist ruppiger geworden“, sagt Bonn. „Doch dürfen wir die Sache nicht einfach so laufen lassen.“ Er hofft nun auf das Entwicklungskonzept Kassel-Ost, das in diesem Sommer verabschiedet werden soll. Auch das hat sich das Einkaufszentrum in Waldau zum Thema gemacht.

Von Boris Naumann

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