Produktion wird Ende Februar eingestellt

Nach endgültigem Aus des Kasseler Schlachthofs: Das wird aus der Ahlen Wurscht

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Kassel. Der Kasseler Schlachthof im Industriepark Waldau ist bald Geschichte. Für Nordhessens Vorzeigeprodukt, die Ahle Wurscht, sei das aber keine Katastrophe, sagt ein Experte.

Am 26. Februar soll dort letzmals geschlachtet werden. Seit mehreren Jahren war die Einrichtung in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, im Dezember vergangenen Jahres hatte das Amtsgericht Kassel den Betrieb, dessen größte Anteilseigner Stadt und Landkreis Kassel sind, unter vorläufige Insolvenzverwaltung gestellt.

Fleischerinnung, Bauernverband und der Förderverein „Nordhessische Ahle Wurst“ hatten zusammen mit Kommunalpolitikern eine Rettungsaktion gestartet, um die fachgerechte Herstellung der Ahlen Wurst zu sichern. Doch am Dienstag war der letzte Interessent abgesprungen, der den Schlachthof weiter betreiben wollte. Damit ist das Aus besiegelt.

Wegen schlechter Auslastung und einem Investitionsstau hatte das Kasseler Unternehmen seit Jahren Verluste angehäuft, erklärt Insolvenzverwalter Simon Braun. Er bezifferte den Finanzbedarf, um den Schlachthof in Waldau auf einen aktuellen und wettbewerbsfähigen Modernisierungsstand zu bringen, auf mittelfristig eine halbe bis eine Million Euro. Das war dem letzten verbliebenem Interessenten wohl doch zu viel. Zudem hätte es eines zeitaufwendigen und teuren neuen Genehmigungsverfahrens bedurft, um eine ins Auge gefasste erhebliche Steigerung der Zahl der Schlachtungen auf bis zu 1500 Schweine pro Woche zu realisieren.

Für Nordhessens Vorzeigeprodukt, die Ahle Wurscht, sei die Schließung aber keine Katastrophe, sagt Obermeister Dirk Nutschan von der Fleischer-Innung Kassel. Das „Kulturgut“ Ahle Wurscht sei nicht in Gefahr, obwohl der Kasseler Schlachthof demnächst geschlossen werden müsse.

Mit dem Schlachthof in Warburg seien trotz der Rettungsaktion für die Kasseler Einrichtung bereits Gespräche geführt worden, berichtet Nutschan. Im benachbarten Ostwestfalen könnten bis zu 300 Schweine wöchentlich zusätzlich zu den bisherigen 400 dort angelieferten Tieren geschlachtet werden.

Und die Schlachtung von 150 zusätzlichen Tieren könnte der Schlachthof in Heiligenstadt übernehmen. Damit sei die Kapazität des Kasseler Schlachthofs von wöchentlich 450 bis 500 Schweinen fast gesichert. Es könne also trotz längerer Wege weiter Ahle Wurst hergestellt werden.

So entsteht die Ahle Wurscht

Zwar ist der Schlachthof Kassel nur ein eher kleiner Betrieb, doch weit und breit ist er einer der wenigen Betriebe, die auf die sogenannte Warmfleisch-Verarbeitung spezialisiert sind. Regionale Metzger holen das Fleisch bereits unmittelbar nach dem Schlachten in Waldau ab und bringen es dann binnen etwa zwei Stunden in die Wurstpelle.

Nur bei dieser schnellen Verarbeitungsart des noch schlachtwarmen Schweinefleisches kommen jene Reifeprozesse in Gang, die charakteristisch für echte Ahle Wurscht sind.

Im Landkreis Kassel gibt es noch einzelne Metzgereien, die auf diese Art selber schlachten. Von den 450 bis 500 Schweinen, die jede Woche im Kasseler Schlachthof im Industriepark verarbeitet werden, geht etwa die Hälfte an Erzeuger traditioneller Ahler Wurscht.

Stadt und Kreis durften nicht mitentscheiden

Stadt und Landkreis Kassel sind mit insgesamt 93 Prozent der Kommandit-Einlagen die weitaus größten Anteilseigner des Schlachthofes Kassel. (Stadt: 73,7 – Kreis: 19,7 Prozent). Allerdings haben beide kurioserweise kein Stimmrecht in der Gesellschafterversammlung und „somit keinen Einfluss auf die Geschäftspolitik“ beim Schlachthof, sagt der Kasseler Rathaussprecher Claas Michaelis. Diese Konstruktion sei beim Schlachthof-Bau so gewählt worden. Michaelis: „Das würde man heute ganz gewiss nicht noch einmal so machen.“

Die 971.000 Euro KG-Einlagen, seinerzeit von Stadt und Kreis als Investitionszuschüsse eingebracht, seien nun weg, ohne dass die Geldgeber beim Geschäftskurs des Schlachthofs hätten mitreden können, sagt Michaelis. Seit 2009 fuhr der Betrieb fortlaufend Verluste ein. Heute wäre es unzulässig, wenn sich Stadt und Kreis wirtschaftlich auf einem solchen Feld betätigen würden.

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