Debatte um NS-Verstrickungen

Petersen-Straße: „Schande“ lässt Jürgen Blutte nicht ruhen

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Am Anfang und Ende der Straße angebracht: das Zusatzschild mit Hinweis auf die NS-Verstrickungen Petersens. 

Kassel/Waldau. „Die Auseinandersetzung mit Personen, die aktiv in das NS-Regime eingebunden waren, braucht in Kassel einen neuen Schub.“ Das sagt ein Kasseler Grüner.

Genauer: Jürgen Blutte, Stadtverordneter in Kassel und Ortsbeiratsmitglied in Waldau. Er fordert Konsequenzen, so auch die Umbenennung der Waldemar-Petersen-Straße.

Waldemar Petersen und die nach ihm benannte Straße sei kein Einzelfall. In Kassel trügen noch weitere Straßen und Bauwerke Namen von Personen, deren Verstrickungen in das NS-Regime bekannt, zum Teil bekannt beziehungsweise noch nicht endgültig geklärt seien. Jürgen Blutte: „Es muss doch mehr als 70 Jahre nach Ende der NS-Diktatur auch in Kassel möglich sein, hierüber eine historische Debatte zu führen – mit allen Konsequenzen, auch mit Namensaberkennungen und Neubenennungen.“

Stavo-Initiative angekündigt

Das Mitglied der Grünen-Rathausfraktion kündigt dazu eine Initiative in der Stadtverordnetenversammlung an. Widerspruch meldet Blutte in Sachen Waldemar Petersen an. Der Streit um den Straßennamen sei nicht beigelegt, er ruhe allenfalls. Die Ansicht, man habe sich mit dem „Zusatzschild arrangiert“, sei eine subjektive Einschätzung von Ortsvorsteher Joachim Bonn und nicht allgemeingültig.

Fordert eine historische Debatte in Kassel: Jürgen Blutte.

Wie berichtet, hat die Stadt Kassel im August 2016 zwei Zusatzschilder an der Waldemar-Petersen-Straße angebracht. Die Beschlusslage im Ortsbeirat lautete tatsächlich anders: Mitte Januar hatte die Mehrheit auf Bluttes Antrag hin den Magistrat gebeten, von dem Zusatzschild abzusehen. Dafür hatten damals auch die SPD-Ortsbeiratsmitglieder gestimmt – mit Ausnahme Bonns. Dass Magistrat beziehungsweise Oberbürgermeister Hilgen diesem Beschluss nicht gefolgt sind, „erinnert stark an das Vorgehen bei der Branner-Brücke“, kritisiert der Waldauer Grüne.

„Ich empfinde das Zusatzschild als eine Schande für den Stadtteil und für die Stadt“, empört sich Blutte. Mit dem Text „Von 1933 bis 1945 war Petersen (als Generaldirektor der AEG) mitverantwortlich für die unentschuldbare Vertreibung jüdischer Mitarbeiter aus dem Unternehmen AEG“ entstehe der Eindruck, die Stadt Kassel ehre einen, der aus rassistischen Motiven Menschen vertrieben habe. „Damit werden die Opfer erneut beleidigt und ein zweites Mal zu Opfern gemacht.“

Straße doch umbenennen

Die Studie von Manfred Efinger, Kanzler der Technischen Hochschule (TH) Darmstadt, die die Diskussion 2014 ausgelöst hatte, habe nachgewiesen, dass Petersen „sich als Industriemanager bei der AEG voll und ganz auf die Belange des NS-Regimes eingestellt“ habe und von dessen politischen Zielen „zutiefst überzeugt“ gewesen sei. Jemand wie er könne daher nicht Namensgeber für eine Straße in Kassel sein, meint Blutte. Deshalb schlagen die Waldauer Grünen vor, die Straße nach den AEG-Gründern Emil und Walther Rathenau umzubenennen.

Das Buch-Cover zeigt Waldemar Petersen.

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