Sonderschau Indien auf der Herbst-Aussstellung 

Reportage von der Herbst-Ausstellung: Unser Autor hat sich seine Zukunft vorhersagen lassen

Kassel. In der Sonderschau Indien in den Messehallen acht und neun können sich Besucher Tarot-Karten legen lassen. Unser Autor hat einen Blick in seine Zukunft gewagt.

Video: 360-Grad-Rundgang durch die Ausstellung

Deepa Jain nimmt meine Hände und legt sie auf den Stapel Tarotkarten. Die Inderin schließt ihre Augen. Ihre Augenlider flackern. Ich mustere sie skeptisch. Als ob ein paar Spielkarten etwas über meine Zukunft sagen könnten.

Als Jain die Augen wieder öffnet, breitet sie die 78 Karten verdeckt in einem Halbkreis auf der roten Samttischdecke vor sich aus und zündet ein Teelicht in einem Lotus-Kerzenständer an. Die Kerze solle die Person erleuchten, die zu ihr kommt. Aha.

Die Lebenszahl

Dann wird es etwas weniger mystisch, beinahe amtlich. Jain fragt nach meinem vollständigen Namen und meinem Geburtsdatum und notiert beides auf einem Blatt Papier. Sie kreist einige Buchstaben ein. Aus meinem Geburtsdatum leitet sie auf nicht nachvollziehbare Weise eine Ziffernfolge ab, die sie nebst einiger X in ein leeres Sudokufeld einträgt. „Was ist das?“, lautet meine unpräzise Frage. „Numerologie.“ Achso, dieser esoterische Ansatz, der einen Zusammenhang zwischen Geburtsdatum und Schicksal herstellt. Meine Lebenszahl ist die 9.

Der Planet

Die Lebenszahl gebe Aufschluss darüber, welcher der neun Planeten einen am meisten beeinflusse. In meinem Fall ist es der Mars, der in der Tarot-Mythologie für Aktion, Energie und Initiative steht.

Die Karten

Jain fordert mich auf, fünf Karten zu ziehen. Nacheinander dreht sie sie um. Die erste Karte gebe Aufschluss über meine Vergangenheit. Auf ihr steht das Wort Moral. Sie spüre, dass ich gütig und einfühlsam sei, sagt Jain. Das schmeichelt. Ich nicke.

Karte Nummer zwei betrifft meine Gegenwart. Sie sagt mir eine baldige Veränderung voraus. In welchem Bereich kann Jain zwar nicht sehen, aber sie sei überzeugt, dass ich zeitnah grundlegende Entscheidungen treffen werde, vermutlich sehr spontan. Ich hatte zwar nur vor, einen neuen Pullover zu kaufen, aber okay. Karte vier, die etwas über aktuelle Probleme und Herausforderungen in meinem Leben sagen soll, wird Jain auf jeden Fall in ihrer Deutung bestätigen. Auf ihr ist „Reise“ zu lesen. Vorher trifft die dritte Karte aber noch eine Aussage über meine entfernte Zukunft. Sie prophezeit Reichtum und Wohlstand. Na, das klingt doch gut.

Die letzte Karte soll erklären, was ich an meinem Leben verändern sollte. Sie zeigt einen Blitz. In Kombination mit meinem Planeten Mars ergibt das: „Du solltest mehr Sport machen.“ Verdammt, woher weiß sie das?

Die Berufsbeschreibung

Jain versteht sich als Ratgeberin. Sie könne keine exakten Prognosen für jemandes Zukunft aufstellen. Weder könne sie Gesundheit vorhersagen, noch den Tod. Über die Karten trete sie in meditativen Kontakt mit anderen, erhalte Hinweise auf Befinden und innere Konflikte und versuche ihnen Ratschläge zu geben.

Mit ihren Einschätzungen lag Jain hinsichtlich meiner Selbstwahrnehmung auf jeden Fall nicht komplett daneben.

Der Glaube

Nach der Sitzung frage ich mich, wie viele von Jains Aussagen so allgemeingültig waren, dass sie – wie bei einem Horoskop – fast zwangsläufig zutreffen müssen. Ich frage mich, was ich im Gespräch womöglich selbst verraten habe. Welche Einschätzungen Zufallstreffer waren. Und was Jain vielleicht wirklich in den Karten gelesen hat... Die Antwort ist am Ende wohl die gleiche wie so oft: Es ist eine Frage des Glaubens

Zur Person

Zur Person Deepa Jain ist 32 Jahre alt und kommt aus der Großstadt Udaipur im Süden des indischen Bundesstaates Rajasthan. Dort hat sie als Yoga-Lehrerin gearbeitet und vor acht Jahren begonnen, Tarotkarten zu legen. 2014 zog Jain nach Hannover. Auch dort arbeitet sie als Yoga-Lehrerin. An ihrem Stand auf der Kasseler Herbstausstellung legt sie nicht nur Tarotkarten, sie malt auch Henna-Tattoos. Henna ist eine Form der Körperbemalung. Anders als bei richtigen Tattoos wird die Farbe dabei nicht mit einer Nadel unter die Haut gestochen, sondern lediglich aufgetragen. Dadurch ist ein Henna-Tattoo auch nicht von Dauer. Je nach Farbe kann es aber mehrere Wochen halten. 

Die Ursprünge von Tarot

Gesichert ist, dass das Wort Tarot aus dem Französischen stammt. Seine Entstehung und Bedeutung konnte bis heute jedoch nicht abschließend geklärt werden. Nach einer Legende des französischen Mystikers Papus sei Tarot im alten Ägypten entstanden. Gelehrte hätten die Karten genutzt, um ihr Wissen für die Nachwelt zu erhalten. Dafür gibt es aber keine Beweise. 

Aus urkundlichen Erwähnungen über Verbote der Karten geht hervor, dass es Tarot im 14. Jahrhundert in Europa gab. Es wird vermutet, dass die Karten zu dieser Zeit aus der islamischen Welt nach Europa kamen. Heute gibt es eine große Vielfalt an Tarotkarten-Decks. Sie unterscheiden sich je nach kulturellem, esoterischem, spirituellem oder philosophischem Ansatz teilweise stark durch ihre künstlerische Gestaltung.

Rubriklistenbild: © Dessauer 

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