Deutsch-Holländischen Stoffmarkt an den Messehallen

Viel Futter für die Nähmaschine am Stoffmarkt

Auf großer Einkaufstour: Die Hobbyschneiderinnen Andrea Kramski (links) und Gudrun Brinkmann deckten sich beim Stoffmarkt reichlich ein – hier am Stand von Leon van den Berg aus den Niederlanden. Fotos:  Fischer

Kassel. Modische Shirts, Sommerkleider und Kindersachen gibt’s an jeder Ecke der Innenstadt teils schon für Taschengeldbeträge - wer setzt sich da noch an die Nähmaschine und schneidert selbst?

Tausende Frauen aus der Region, die nicht in erster Linie sparen wollen, sondern sich am Kreativen und Besonderen erfreuen. Ihr Jagdrevier war am Samstag der Deutsch-Holländische Stoffmarkt an den Messehallen, wo Nähbegeisterte im Angebot von rund 100 Händlern auf Materialsuche gingen.

An den vielfach dicht umlagerten Ständen wurden Stoffqualitäten befühlt und lange Einkaufslisten abgehakt. „So eine Auswahl gibt es sonst nirgends“, schwärmte Andrea Kramski aus Hofgeismar, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Gudrun Brinkmann gegen Mittag breits mehr als ein halbes Dutzend Einkaufstüten gefüllt hatte. „Das dürfte bis nächstes Jahr reichen“, lachten die beiden Frauen, die nach eigenem Bekunden „jede freie Minute“ ins Näh-Hobby stecken.

Schöne Baumwolldrucke in Bioqualität: Christina Reich-Kühn hat mit ihrer Ware vor allem ökobewusste Kundinnen im Blick.

Die schicken und aufwändigen Stofftaschen an ihren Schultern - selbstverständlichEigenkreationen. Inspirierende Anleitungen fänden sich überall: im Netz als Youtube-Filme, in Zeitschriften, auch bei den Stoffhändlern des Marktes. „Außerdem tauschen wir uns viel aus“, erzählte Gudrun Brinkmann. Was die Frauen sich mit Stoffschere und Nähmaschine alles einfallen lassen, werde dann von ihren Kollegen an der Lungenfachklinik Immenhausen stets interessiert beurteilt und bewundert. Für den Chefarzt Prof. Stefan Andreas sei jetzt auch mal eine individuell gestaltete Strandtasche abgefallen.

Wer das Individuelle sucht, das man im Laden vor Ort nicht ohne weiteres bekommt, wurde fündig beim Stoffmarkt. Über 1000 Knopf-Variationen hat etwa Hans-Joachim Narbutt im Sortiment - mit der Vielfalt der Materialien, Formen und Motive könnten sich kreative Weiterverarbeiterinnen allein Stunden beschäftigen. „Das sind zu 90 Prozent Eigenkreationen, die wir bei kleinen Manufakturen fertigen lassen“, sagte Narbutt (www.luena.de).

Knopfparade: 1000 Artikel gab es hier.

Besonderes hatte auch Christina Reich-Kühn im Sortiment: Ihre hochfeinen, fantasievoll bedruckten Baumwollstoffe, die sie aus den USA und Japan bezieht, sind 100 Prozent bio - vom Rohstoff über die Handelsbedingungen bis zur Färbung. „Das ist vor allem Eltern wichtig“, sagte die Leipzigerin, und damit sei sie die einzige Anbieterin auf dem Markt. Die Ware, die sich wie Seide anfasst, kostet schon mal 20 bis 25 Euro pro Meter. Als Material für Täschchen, Mäppchen und Hüllen bietet sie Christina Reich-Kühn auch als Selbstmach-Set samt Anleitung und allem Zubehör auf dem Bastelbienen-Portal Dawanda an (www.huellenreich.de).

Männer waren beim Markt nur wenige zu sehen, „die werden hier nur zum Tragen gebraucht“, sagte eine Besucherin lachend. Und die Frauen? Auffallend weit entfernt vom Oma-Alter, mit dem das landläufige Vorurteil die Stoff-Handarbeit verbindet. „Die Kundinnen werden immer jünger“, sagte Marktmeister Frank Körner. „Das sind meistens individualistische Frauen, die einfach nichts von der Stange wollen.“

Hintergrund: Der Megatrend zum Selbermachen

Zum Thema Nähen und Zuschneiden bietet die Volkshochschule Region Kassel ein breitgefächertes Kursangebot: 23 Nähkurse stehen im aktuellen Programm, in den meisten werden noch Teilnehmer aufgenommen.

Eine neue Lust am Selbermachen gilt Kultur- und Sozialwissenschaftlern seit Jahren als ungebrochener Megatrend. Studien zufolge ist das Bedürfnis, etwas Individuelles zu erschaffen, gerade bei jüngeren Menschen eine zentrale Antriebskraft dafür. Nicht nur das Nähen, Basteln oder Backen in den eigenen vier Wänden gewinnt an Beliebtheit, auch Bewegungen wie Reparatur-Cafés oder das „Urban Gardening“ in Städten werden dem Trend zugeordnet.

Es geht dabei nicht nur um die Ergebnisse kreativer Arbeit, sondern auch um den sozialen Aspekt und um das Netzwerken, wenn man Ideen austauscht und sich gegenseitig hilft.

Auch der Faktor Nachhaltigkeit ist eine wichtige Motivation: Beim sogenannten „Upcycling“ wird aus alten Stoffen, Möbeln oder Haushaltsgegenständen wieder etwas Neues mit besonderer Note.

Tausende besuchten Stoffmarkt in Kassel

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