Walter-Hecker-Schule und Friedrich-List-Schule

Rollstuhlfahrer bleiben draußen: Zwei Berufsschulen nicht barrierefrei

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An der Walter-Hecker-Schule an der Schillerstraße werden auch die Auszubildenden der Kasseler Werkstatt für Behinderte beschult, allerdings können Rollstuhlfahrer die Schule gar nicht besuchen.

Kassel. Michelle G. und Anna T. möchten zur Schule gehen, aber es ist ihnen versagt, weil sie im Rollstuhl sitzen.

Seit zwei Monaten machen die 19- und die 21-Jährige eine Ausbildung in der Kasseler Werkstatt für Behinderte. Sie arbeiten in der Abteilung Verpackung und befinden sich in der Aufnahme- beziehungsweise in der Ausbildungsphase, die sich auf längstens 27 Monate erstreckt.

In der Zeit erhalten die jungen behinderten Menschen, die dem regulären Arbeitsmarkt aufgrund ihrer unterschiedlichen Handicaps nicht zur Verfügung stehen, an einem Tag in der Woche Berufsschulunterricht. Anna T. und Michelle G. müssten die berufliche Walter-Hecker-Schule besuchen, doch die ist nicht barrierefrei. Das bedeutet, die gehbehinderten jungen Frauen können die Schule nicht besuchen.

„Alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Ausbildungsphase gehen für diesen einen Tag in die Berufsschule, mit zwei Ausnahmen“, sagt Annas Vater: „Unsere Tochter und ein weiteres Mädchen sind ausgeschlossen, weil sie im Rollstuhl sitzen. Man stelle sich das einmal vor: Aus der Gruppe der Behinderten in der Ausbildungsphase wird ein Teil der Behinderten ausgeschlossen.“

Diese Situation dauere „seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten an“. Markus Grothe, Bereichsleiter der Berufsbildung in der Kasseler Werkstatt für Behinderte kann sich nicht erinnern, dass in der Vergangenheit Rollstuhlfahrer aus der Werkstatt die Hecker-Schule besucht haben.

Diese Situation, so moniert Annas Vater, werde von allen Verantwortlichen einfach hingenommen und akzeptiert. „Angesichts des aktuellen Integrations- und Inklusionsgeredes ist dies im Jahr 2013 ein echter Skandal.“ Auf Anfrage der HNA teilte die Sprecherin der Stadt als Träger der Schule, Petra Bohnenkamp, mit: „Für die Walter-Hecker-Schule wird zurzeit an einer Übergangslösung gearbeitet, um den aktuellen Bedarf, die Bereitstellung einer Behindertentoilette, zeitnah umzusetzen.“

Das bedeutet: Anna T. wird also demnächst einige Räume im Erdgeschoss der Hecker-Schule besuchen und dort auch eine Toilette benutzen können. Aber nur deshalb, weil sie in der Lage ist, für den Toilettengang den Rollstuhl zu verlassen. Michelle kann das nicht.

Sie bleibt weiterhin außen vor, obwohl sie das Recht auf Beschulung hat. „Bis ich die Schule besuchen kann, wird es wohl noch dauern“, sagt Michelle G., „dabei habe ich doch nur einen zweijährigen Vertrag in der Werkstatt. „Jetzt sitze ich allein da, obwohl ich auch gern was lernen möchte.“ Annas Vater sagt: „Da werden Behinderte von Behinderten ausgeschlossen.“

Da sei durch das Konjunktur-Programm in den letzten Jahren so viel in die Schulen investiert worden, „aber die Rollstuhlfahrer hat man dabei offensichtlich vergessen“.

Von Christina Hein

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