Tatversion von Stephan Ernst

Lübcke-Prozess: Mehr Fragen als Antworten am dritten Verhandlungstag

Stephan Ernst steht im Oberlandesgericht zwischen seinen Verteidigern Mustafa Kaplan (links) und Frank Hannig.
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Stephan Ernst steht im Oberlandesgericht zwischen seinen Verteidigern Mustafa Kaplan (links) und Frank Hannig.

Am dritten Verhandlungstag im Lübcke-Prozess geht es um die zweite Tatversion von Stephan Ernst. Ernst gestand den Mord an Walter Lübcke zunächst, zog sein Geständnis dann jedoch zurück. Seine Aussage sorgt für mehr Verwirrung als Klarheit.

Frankfurt – Es ist erst der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen Stephan Ernst, den mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, und dessen vermeintlichen Komplizen Markus H. Und doch bekommen die Beobachter an diesem Tag schon die zweite Tatversion des Hauptangeklagten präsentiert.

Vor dem Oberlandesgericht Frankfurt wird das Video der richterlichen Vernehmung aus dem Januar gezeigt: Dort beschuldigt Stephan Ernst seinen einstigen Neonazi-Kumpel Markus H., Lübcke erschossen zu haben – aus Versehen. Die Version hat nicht mehr viel mit jenem Geständnis zu tun, das Ernst kurz nach seiner Festnahme im Sommer vergangenen Jahres abgelegt hatte und das am zweiten Verhandlungstag zu sehen war. Damals ließen die Bilder eine gewisse Reue Ernsts erkennen. Er zeigte Emotionen – auf dem Bildschirm und im Gerichtssaal, als er im Video der ersten Vernehmung über seine beiden Kinder gesprochen hatte.

Lübcke-Prozess: Zweite Tatversion von Stephan Ernst

Davon ist diesmal kaum mehr etwas zu spüren. Während seiner Aussage Anfang des Jahres im Kasseler Polizeipräsidium ist Ernst nüchtern, emotionslos, wie aus dem Video hervorgeht, das nun im Gerichtssaal abgespielt wird. Neben Ernst sitzt während dieser Vernehmung im Januar sein Verteidiger Frank Hannig, der das Mandat erst nach Ernsts Geständnis im Sommer 2019 übernommen hatte. Danach sollte alles anders sein: Ernst widerrief seine erste Version.

Auch am dritten Verhandlungstag anwesend: Irmgard Braun-Lübcke (Bild) und ihre beiden Söhne verfolgten das zweite Geständnis von Stephan Ernst.

Jetzt also die erneute Vernehmung, jetzt also soll Markus H. Lübcke getötet haben – obwohl das angeblich gar nicht der gemeinsame Plan gewesen war. Wirklich nicht? Dass Ernst seine neue Version des Tathergangs den Ermittlern im Januar sehr defensiv vorträgt, irritiert selbst Hannig, seinen Verteidiger. Die Minuten nach Lübckes Tod auf dessen Terrasse im Wolfhager Ortsteil Istha schildert Ernst im Video wie jemand, der gerade von 100 bis 200 zählt. Soll es danach tatsächlich keinen Streit mit Markus H. gegeben haben, der ja plötzlich für eine vermeintlich völlig neue Lage gesorgt hat?

Mord an Walter Lübcke: Verhandlungstag vor dem Oberlandesgericht Frankfurt

Hannig sagt da zu seinem Mandanten: „Versuchen Sie doch mal, aus sich rauszugehen.“ Er gibt ihm noch mit auf dem Weg, dass er Wörter wie „Scheiße“ und „Arschloch“ benutzen darf. Dann dauert es einen Moment, und Ernst sagt in sehr ruhigem Ton: „Ich hab gesagt: Verdammte Scheiße. Wie konnte das passieren?“ Kurze Pause. „Das gibt riesen Ärger.“ Kurze Pause. „Die Polizei wird ganz anders ermitteln.“ Und Ernst erzählt das immer noch in sehr leiser Tonlage, nahezu teilnahmslos.

Während einer kurzen Unterbrechung im Gerichtssaal verlassen Ernst und Markus H. den Raum nicht. Sie stehen hintereinander und würdigen sich keines Blickes. Ernst schaut starr in die Gegend, Markus H. steht locker da – als wolle er andeuten, ihm könne keiner was. Auch nicht Stephan Ernst und seine neue Sicht auf die Dinge.

Lübcke-Prozess: Stephan Ernst schildert iTatversion in Video

Ernsts Tatversion, die er diesmal erzählt, geht grob so: Im Mai will er mit Markus H. das konkrete Vorhaben gefasst haben, Lübcke eine Abreibung zu verpassen – für dessen Flüchtlingspolitik. Ernst und H. waren angeblich zuvor schon mal in Istha und hatten die Gegend ausgekundschaftet. Nun soll es konkret werden – während der Weizenkirmes im Ort. H. soll Lübcke eine Waffe vorhalten, Ernst ihn schlagen oder treten.

Beide treffen sich – so sagt es Ernst nun auf den Videoaufnahmen – am 1. Juni im Industriegebiet Waldau, um mit Ernsts Auto und seiner Waffe nach Istha zu fahren. Als sie dort sind, warten sie erst auf einem Parkplatz, dann nähern sie sich mit dem Auto Lübckes Grundstück. Das letzte Stück gehen sie zu Fuß, getrennt voneinander. Als Lübcke auf der Terrasse ist, will Ernst zu Lübcke gerufen haben: „Beweg dich nicht.“ H. dagegen sagt nach Ernsts Aussage: „Zeit, um auszureisen.“ Ernst drängt den sitzenden Lübcke angeblich zurück, als der sich aufrichten will. Dann soll sich der Schuss versehentlich gelöst haben.

Aber ist das alles wahr, nachdem Ernst bei seinem Geständnis im Sommer sehr genau beschrieben hatte, wie er Lübcke umgebracht hat? Einmal wird er nun vom Ermittlungsrichter im Video gefragt, wer denn auf dem Weg nach Istha vorn gefahren sei. Da antwortet Ernst: „Ich.“ Dann stockt er, und kurze Zeit später ergänzt er, als sei es ihm jetzt wieder eingefallen: „Wir waren ja nur mit einem Auto unterwegs.“

Mord an Walter Lübcke: Prozess in Frankfurt

So detailliert sein Geständnis war, so lückenhaft ist nun seine neue Variante. Mit zunehmender Vernehmungsdauer wird Ernst immer schmallippiger, er wirkt abwesend, verstreut. Er begründet das später mit Medikamenten, die er gegen Depression nimmt, und mit seiner Situation im Gefängnis, die ihm zusetze. Da sei seine Angststörung, gegen die er früher schon gekämpft habe, wieder aufgekommen. So wirkt er fast apathisch. Selbst sein Verteidiger Hannig sagt zu Ernsts Ausführungen: „Das ist zu dünn. Sie lassen sich ja alles aus der Nase ziehen.“ Ernst blickt Hannig danach an – hilflos, leer. Er sagt: „Wie soll ich es denn sonst formulieren?“

Dabei ist die große Frage noch offen: Warum hat er erst einen Mord gestanden, und jetzt auf einmal beschuldigt er seinen einstigen Kumpel, fahrlässig jemanden getötet zu haben. Bei der Antwort verweist Ernst auf Dirk Waldschmidt. Der Anwalt, der als Szeneanwalt der Rechten gilt, habe ihn kontaktiert, nachdem er festgenommen worden war. Er habe ihm Unterstützung für seine Familie zugesagt, wenn er die Tat auf sich nehme und Markus H. außen vor lasse. Ansonsten bekäme er Probleme. Waldschmidt hat dieser Darstellung bereits widersprochen, nachdem Hannig sie nach der Vernehmung im Januar öffentlich gemacht hatte.

Lübcke-Prozess: Nächster Verhandlunstag am Donnerstag

Dass Ernst niemand wirklich glaubt, wird nicht nur am Ende des Videos mit seiner Aussage vom Januar deutlich, als der Ermittlungsrichter sagt, dass er Ernsts neue Version nicht versteht. Das Unverständnis zeigt sich auch am Schluss des Verhandlungstages im Gerichtssaal. Da sagt Holger Matt, der Anwalt der Familie Lübcke, als Vertreter der Nebenklage: „Wir halten die Angaben in wesentlichen Teilen für unglaubwürdig und für eine glatte Lügengeschichte.“ Kein Vergleich zum ersten Geständnis. Matt schließt: „Es geht für die Hinterbliebenen darum, die ganze Wahrheit zu erfahren.“

Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt. Irgendwann will auch Stephan Ernst ausführlich aussagen – allerdings schriftlich. So wurde es zu Beginn des dritten Verhandlungstages angekündigt – jenes Verhandlungstages, an dem Stephan Ernst für mehr Verwirrung sorgte als für Klarheit auf dem Weg zur Wahrheit.

Gab es Pläne für perfektes Verbrechen? Stephan Ernst widerspricht sich bei seinen Aussagen vor Gericht in Frankfurt.

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