Angeklagter hatte noch weiteren Verteidiger

Lübcke-Prozess: Kasseler Anwalt kritisiert Ex-Verteidiger von Stephan Ernst - „Juristischer Blindflug“

Rechtsanwalt Bernd Pfläging über die Verteidigungsstrategie seines Kollegen
+
Rechtsanwalt Bernd Pfläging über die Verteidigungsstrategie seines Kollegen

Im Prozess um den Mord an Walter Lübcke gerät Stephan Ernsts Ex-Verteidiger Frank Hannig weiter unter Druck. Auch durch eine Aussage des Kasseler Anwalts Bernd Pfläging.

Frankfurt – Als „einen juristischen Blindflug“ bezeichnete der Kasseler Strafverteidiger Bernd Pfläging gestern vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Frankfurt das Vorgehen seines Kollegen Frank Hannig. Hannig war bis Ende Juli einer der Verteidiger von Stephan Ernst – bis er von seinem Mandat entbunden wurde.

Bislang war in der Öffentlichkeit bekannt, dass der 46-jährige Ernst, der vor dem Staatsschutzsenat des OLG wegen des Mordes an dem Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke angeklagt ist, vier Anwälte für seine Verteidigung in Anspruch genommen hat. Jetzt wurde klar, dass ein fünfter Verteidiger im Spiel gewesen ist, nämlich der Kasseler Anwalt Bernd Pfläging (51).

Er war Ernsts anwaltlicher Beistand zwischen Ende September 2019 und März 2020 -- in einem Zeitraum, in dem auch Frank Hannig Verteidiger von Ernst gewesen ist. Mittlerweile wird Ernst von dem Kölner Rechtsanwalt Mustafa Kaplan und dessen Kollegen Jörg Hardies vertreten.

Um die Rolle von Frank Hannig ging es gestern bei der Zeugenvernehmung von Pfläging vor dem OLG. Ernst hatte ja behauptet, dass Hannig sich sein zweites Geständnis ausgedacht habe. In diesem Geständnis vom Januar dieses Jahres hatte Ernst vor dem Vernehmungsrichter ausgesagt, nicht er habe den Regierungspräsidenten erschossen, sondern sein Kumpel Markus H.

Dass Hannig sich dieses zweite Geständnis ausgedacht haben könnte, um Ernst zu entlasten, das wurde durch die Aussage von Pfläging gestern untermauert.

Ernst habe ihn im Herbst vergangenen Jahres als zweiten Anwalt neben Hannig beauftragt, weil er sich unsicher gewesen sei, ob Hannig der richtige Beistand für ihn sei, so Pfläging. Unter Hannig, der mit Videos auf Youtube seine Verteidigung in der Öffentlichkeit darstellte, hatte Ernst sein erstes Geständnis widerrufen.

Hannig habe ihn einmal im Dezember 2019 in seiner Kasseler Kanzlei in der Ulmenstraße aufgesucht, so Pfläging. Dort habe der Verteidiger aus Dresden angekündigt, dass er mit seinem Konzept in dem bevorstehenden Prozess „die Strafverteidigung in Deutschland auf neue Beine stellen“ werde. „Hannig hat es als einen Knaller angekündigt.“ Zu diesem Zeitpunkt habe er aber nicht gewusst, was Hannig tatsächlich vorhabe, so Pfläging.

Dass Ernst und Hannig den Mord dem Mitangeklagten Markus H. anhängen wollten, habe er auch erst durch die Pressekonferenz, die im Januar im Hotel Reiss in Kassel stattgefunden hat, erfahren, so Pfläging. Das sei eine Verteidigungsstrategie, mit der er nicht einverstanden gewesen sei. Er selbst habe Ernst in den Gesprächen, die er mit ihm in der JVA Wehlheiden geführt habe, immer geraten, in solch einem Stadium des Verfahrens zu schweigen.

Ein letztes Gespräch gab es zwischen den beiden noch am 21. Februar dieses Jahres. Da habe er Ernst auf das zweite Geständnis angesprochen und ihn gefragt, was er damit habe bezwecken wollen, so Pfläging. Ernst habe ihm mitgeteilt, dass Hannig diese Strategie entwickelt habe, um eine Aussage-gegen-Aussage-Situation vor Gericht entstehen zu lasen. Zudem habe er das zweite Geständnis für ihn vorformuliert. Durch die Belastung des Mitangeklagten Markus H. sollte das Gericht zu der Auffassung gelangen, dass es entweder der eine oder der andere war. Im März wurde das Mandat mit Pfläging dann beendet.

Der Kasseler Anwalt wurde auch zu Dirk Waldschmidt, dem ersten Verteidiger des Angeklagten, befragt. Ernst habe ihm mitgeteilt, dass Waldschmidt schuld daran gehabt habe, dass er am Anfang ein „falsches Geständnis“ abgelegt habe. Was an dem ersten Geständnis, in dem Ernst die Tat eingeräumt hatte, falsch gewesen sein soll, darüber habe man nicht gesprochen, so Pfläging. Ernst habe nur berichtet, dass Waldschmidt ihm finanzielle Hilfe aus der rechten Szene für seine Familie zugesagt habe.

Ob damit die Gegenleistung verbunden gewesen sei, dass er Markus H. aus den Ermittlungen außen vor lasse, das konnte Pfläging nicht bestätigen. Er merkte allerdings an, dass Ernst seinen früheren Kumpel H. nicht außen vor gelassen habe. Ansonsten würde dieser ja nicht wegen Beihilfe zum Mord ebenfalls auf der Anklagebank des Staatsschutzsenats sitzen. Der Prozess wird nächsten Donnerstag fortgesetzt. Hannig soll am 22. September aussagen. (Ulrike Pflüger-Scherb)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.