"Wo Kultur groß geschrieben wird, hat rechte Hetze keinen Platz"

Demo gegen Rechts: "Kassel wird friedlich bleiben"

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Auch keinen Empfang? Karikatur von Ari Plikat aus der Ausstellung „Deutschland dreht durch!“.

Die Kasseler Caricatura würdigt am Samstag das Grundgesetz und zeigt Flagge gegen demonstrierende Nazis. Leiter Martin Sonntag hofft auf ein friedliches Zeichen.

Mit einem Fest am Kulturbahnhof wollte die Kasseler Caricatura an diesem Samstag eigentlich nur den 70. Geburtstag des Grundgesetzes feiern. Nun werden an diesem Tag aber Neonazis ihre Parolen in der Stadt skandieren. Das Fest ist darum Teil des Bündnisses gegen Rechts geworden, das ein Zeichen gegen rechte Hetze setzen will. Wir sprachen mit Caricatura-Leiter Martin Sonntag.

Herr Sonntag, Sie feiern am Samstag ein Fest der Demokratie. Parallel marschieren Neonazis durch die Stadt. Wäre die Situation ein Cartoon – könnten Sie darüber lachen?

Wahrscheinlich – weil es eine Szene ist, die Fallhöhe generiert. Dazu würden einigen Zeichnern sicher sehr skurrile Sachen einfallen, obwohl das Ganze eigentlich nicht zum Lachen ist. Aber gerade über ernste Sachen kann man lachen, muss man manchmal sogar lachen.

Erreicht man darüber auch mehr Leute?

Mit Komik erreicht man immer Leute, und das ist auch eine Aufgabe von Satire und Komik: schwere Themen zugänglich zu machen, sie aufzudröseln und auch mal andere Herangehensweisen und Denkarten zuzulassen. Satire fördert Querdenken und vor allem selbstständiges Denken, was ja mitunter ganz hilfreich ist.

Manche sagen, Rechte hätten keinen Humor. Können die über eine Ausstellung wie „Deutschland dreht durch!“ in der Caricatura auch lachen?

Generell: Bestimmt lachen die auch. Allerdings weiß ich nicht, über was sie so lachen. Und Satire ist eben nicht jedermanns Sache. Wir sehen das durchaus bei einigen Menschen, die eine satirische Herangehensweise an Themen nicht gut finden, aber das ist legitim. Es mag sich ja auch nicht jeder eine Oper anhören.

Wo auch immer genau die Demonstration der Partei Die Rechte stattfindet: Welche Vorkehrungen treffen Sie für Samstag?

Zunächst einmal laden wir alle Menschen dieser Stadt herzlich ein, friedlich und kreativ ein Zeichen gegen rechte Hetze, Rassismus und Antisemitismus zu setzen. Leute, die Randale machen wollen, brauchen wir nicht. Es ist ein Kulturfest in der Kulturstadt Kassel. Das muss man immer wieder betonen: Wo Kultur groß geschrieben wird, hat rechte Hetze keinen Platz. Und dort kann auch keine Gewalt stattfinden.

Aber womöglich werden viele Nazis ausgerechnet hier am Kulturbahnhof ankommen, wenn sie nach Kassel reisen.

Wir sind im Gespräch mit der Deutschen Bahn, die wiederum in Gesprächen mit der Polizei ist. Sollten die Rechten tatsächlich nach Kassel kommen, werden die Bereiche deutlich getrennt werden. Wir unterstützen die Sicherheitskräfte dabei, dass es ein friedliches Fest wird.

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Gibt es nach dem Mord an Walter Lübcke ein größeres Interesse an dem Fest?

Wir merken, dass die Leute viel über die aktuelle Lage sprechen und bundesweit sensibilisiert sind. Mir scheint, dass bei uns Kasselern diese Sensibilität noch mal stärker ausgeprägt ist. Wir beobachten genau, wie sich Politiker von verschiedenen Parteien verhalten und wie sich Leute im Netz verhalten. Aus Sicht der Satire finde ich eine Sache dabei bemerkenswert: Es gab Gerichtsprozesse, in denen Cartoonisten drei Jahre Haft angedroht wurden, weil die Zeichnung geeignet war, den öffentlichen Frieden zu stören. Das wurde zwar nie vollzogen, aber: Ich habe mir die Definition des Bundesgerichtshofs zur Störung des öffentlichen Friedens noch einmal angeschaut, und ich muss sagen: Das ist genau das, was die Rechtsextremen gerade machen.

Gibt es nach den Ereignissen der vergangenen Wochen eine Jetzt-erst-Recht-Haltung oder haben die Leute Angst?

Die Leute haben keine Angst. Wir haben viele positive Reaktionen bekommen. Viele wollen kommen. Kassel ist eine selbstbewusste Stadt, und es ist eher festzustellen, dass alle zusammenrücken.

Wahrscheinlich werden auch gewaltbereite Gegendemonstranten der Antifa nach Kassel kommen. Wie sehr bereitet Ihnen das Angst?

Wir gehen davon aus, dass wir es innerhalb der Gruppe regeln können, falls Gewaltbereite kommen sollten. Es wurden entsprechende Strategien mit dem Bündnis gegen Rechts besprochen. Grundsätzlich: Gewaltbereite Gegendemonstranten wollen wir hier nicht, und ich glaube auch nicht, dass es die hier geben wird. Das hier ist kein Ort für gewaltsamen Protest.

Die Caricatura hat sich immer wieder politisch positioniert. Welche Erfahrungen mit Rechtsextremen haben Sie in all den Jahren gemacht?

Das tendiert gegen null. Zuletzt kam ja immer wieder die Vermutung auf, Kassel sei ein braunes Nest. Das kann ich nicht feststellen. Kassel ist gegen Rechts. Das wollen wir jetzt noch einmal deutlich zeigen – friedlich und kreativ.

Das Fest

Beim Fest für 70 Jahre Grundgesetz treten am Samstag von 10 bis 20 Uhr zahlreiche Bands, Musiker und DJs auf dem Rainer-Dierichs-Platz vor dem Kulturbahnhof auf. Das Programm: MMO, Ma Fleur, Casio Rakete, Aeham Ahmad, Cumbia Casselera, Hank Ockmonic, June, Mykket Morton, Fanfare van de Eerste Liefdesnacht und Okayalex. Außerdem gibt es eine Soccer-Box.

Die Ausstellung 

„Deutschland dreht durch – Cartoons zur Lage der Nation“ ist noch bis zum 11. August in der Caricatura im Kulturbahnhof, Rainer-Dierichs-Platz 1, zu sehen. Geöffnet dienstags bis samstags von 12 bis 19 Uhr sowie sonntags und feiertags von 10 bis 19 Uhr. Eintritt: 5 Euro

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