Es gibt immer weniger Erdbestattungen

Wandel in der Bestattungskultur in Kassel: Vom Friedhof zum Park

Hier wird der Friedhof zum Park, sagt Jürgen Rehs, Chef der Friedhofsverwaltung: Auf der Nordfläche des Hauptfriedhofs sind schon viele Gräber verschwunden. Foto:  Fischer

Kassel. Der Wandel in der Bestattungskultur in Deutschland wirkt sich jetzt auch auf den Kasseler Haushalt aus.

Da es immer weniger Erdbestattungen auf den 14 Friedhöfen gibt und die Einnahmen der Friedhofsverwaltung entsprechend gesunken sind, muss die Stadt künftig mit Mitteln einspringen, damit die Freiflächen auf den Friedhöfen gepflegt werden können. Gab es beispielsweise 1990 noch 62 Prozent Erd- und 38 Prozent Urnenbestattungen, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt.

Deshalb soll es zwischen der Stadt und dem Evangelischen Stadtkirchenkreis als Friedhofsträger einen neuen Friedhofsvertrag geben. In den städtischen Ausschüssen ist dieser bereits beraten und abgenickt worden, jetzt müssen noch die Stadtverordneten am 11. Dezember dem neuen Vertrag zustimmen.

Durch den Vertragsabschluss werde die in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Stadtkirchenkreis und der Stadt auf eine rechtssichere und finanziell abgesicherte Grundlage gestellt, sagt Stadtbaurat Christof Nolda.

In den vergangenen zehn Jahren habe die Stadt die Friedhofsverwaltung mit einem Fixbetrag von 100 000 Euro im Jahr bezuschusst, so Nolda. „Es gibt aber eine Dynamik im Bereich der ewigen Ruhe.“ Da die Zahl der Beisetzungen auf Kassels Friedhöfen von 2595 im Jahr 1990 auf 1569 im Jahr 2016 zurückgegangen ist, seien immer mehr Freiflächen entstanden. Nolda nennt als Beispiel den Nordteil des Hauptfriedhofs, der früher voll belegt war und wo es heutzutage kaum noch Gräber gibt.

Die Pflege dieser freien Flächen dürfe nicht durch Gebühren, sondern müsse aus allgemeinen Steuermitteln finanziert werden, erklärt Nolda. Für Kassel habe man berechnet, dass die Stadt die Friedhöfe jährlich jetzt mit 322.000 Euro bezuschusst.

„Wir haben uns viel Mühe gegeben bei den Vertragsverhandlungen, die fünf Jahre gedauert haben“, sagt Dekanin Barbara Heinrich als Vertreterin der Kirche. Ziel sei es gewesen, dass der städtische Zuschuss belastbar und transparent ist. Es gehe ja nicht darum, dass die Stadt alle Friedhofsflächen bezuschusst, sondern nur die freien, die sich zu Naherholungsflächen entwickelten.

„Wir erleben auf bestimmten Flächen einen Wandel vom Friedhof zur Parkanlage“, sagt Jürgen Rehs, Chef der Friedhofsverwaltung. „Die Gebeine und Urnen bleiben zwar im Erdreich, aber es wird Rasen eingesät, der gemäht werden muss. Und das kostet.“

Dekanin Heinrich ist sehr froh, dass man sich mit der Stadt auf den neuen Vertrag geeinigt hat. Nun habe man Kapazitäten für einen Friedhofsentwicklungsplan. „Bei Friedhofsplanung muss man immer in Jahrzehnten denken“, sagt Heinrich.

Das sieht der Stadtbaurat genauso: Jetzt seien die Voraussetzungen geschaffen, auch künftig attraktive Friedhöfe und Grünanlagen mit einer hohen sozialen und kulturellen Bedeutung und Qualität der Stadtgesellschaft zur Verfügung stellen zu können.


Neue Bestattungsangebote

Immer mehr Menschen lassen sich nach ihrem Tod verbrennen. In Kassel habe man mit neuen Bestattungsangeboten schon frühzeitig auf diese Entwicklungen reagiert, sagt Stadtbaurat Christof Nolda. Auf den 14 städtischen Friedhöfen, die in Trägerschaft des Evangelischen Stadtkirchenverbands sind, gibt es mittlerweile elf unterschiedliche Arten der Beisetzung. Bei Erdbestattungen gibt es zum Beispiel Reihengräber oder Mehrwahlgräber im Friedpark. Bei Feuerbestattungen ist zum Beispiel die Beisetzung in einer Urnen-Gemeinschaftsanlage, in einem Urnen-Kulturgrab oder einem anonymen Urnen-Reihengrab möglich. Die meisten Gräber bleiben um die 30 Jahre erhalten, sagt Jürgen Rehs, Chef der Friedhofsverwaltung. Bei Wahlgräbern könne diese Zeit auch noch verlängert werden: Bei dieser Bestattungsform kann schon zu Lebzeiten ein Platz auf dem Friedhof ausgesucht werden, zudem kann ein Platz für den Ehepartner reserviert werden. Diese Wahlgräber sind natürlich teurer als Reihengräber, bei denen keine Reservierung möglich ist und die nach 20 Jahren wieder verschwinden. 


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