Die Schuld der Richter

Wanderausstellung über die Verstrickung der Justiz in das NS-System

Hier wurde gegen politische Gegner des Nationalsozialismus verhandelt: Der Justizpalast, wo auch das OLG Kassel untergebracht war, stand bis zu seiner Zerstörung im Jahr 1943 am Schlossplatz (heute Regierungspräsidium am Steinweg). Foto:  Eberth/Repro Koch

Kassel. Käthe Westhoff war Stenotypistin beim Oberlandesgericht (OLG) Kassel. Weil sie mit dem Juden und Kommunisten Kurt Finkenstein ein Verhältnis hatte, wurde sie am 23. Juli 1935 festgenommen und am 20. September 1935 im Gerichtsgefängnis Kassel inhaftiert.

Ihr wurde vorgeworfen, sich an illegalen Treffen der KPD in Kassel beteiligt zu haben. Das OLG sprach Käthe Westhoff am 21. Mai 1937 schließlich „mangels Beweisen“ frei. Allerdings war ihr Martyrium noch nicht zu Ende. Nach über 660 Tagen in U-Haft kam Westhoff ins Konzentrationslager Moringen.

Der Fall Westhoff ist nur ein Beispiel, das in der Wanderausstellung „Verstrickung der Justiz in das NS-System 1933 bis 1945, Forschungsergebnisse für Hessen“ im Foyer des Kasseler Amtsgerichts gezeigt wird. Am Mittwoch, 15. Januar, 17 Uhr, wird die Ausstellung eröffnet. Sie ist bis zum 31. März zu sehen. Zudem gibt es ein Rahmenprogramm mit interesanten Vorträgen.

Die Justiz in Kassel während der NS-Zeit sei einer der Mittelpunkte der Ausstellung, sagt der Jurist Dr. Wolfgang Form (Universität Marburg), der Kurator der Ausstellung. Das liegt daran, dass in Kassel ein „kleiner Volksgerichtshof“ war, der ab 1937 sogar für ganz Hessen, Rheinhessen und die Landgerichtsbezirke Erfurt und Göttingen zuständig war. „Das OLG Kassel ist das zentrale politische Gericht der NS-Zeit in Hessen gewesen, das mehr als 1000 Verfahren gegen politisch Andersdenkende und andere Staatsfeinde erledigte“, sagt Form. Die Kasseler Oberlandesgerichtsräte Wolfram Bruno Faber, Friedrich Hermann Junghans und Friedrich Wolff sowie Landgerichtsrat Heinrich Karl Dehner hätten über mindestens 1855 Angeklagte gerichtet - von knapp 3000.

Die Kasseler OLG-Richter hätten in ihren Urteilen schon sehr früh deutlich gemacht, welcher Politik sie sich verpflichtet fühlten, sagt Form. Die Urteile des kleinen Volksgerichtshofes wurden in dem Gericht am Rondell (heutiger Standort des Regierungspräsidiums) gesprochen. Nach dessen Zerstörung 1943 wurde der Strafsenat nach Marburg ausgelagert.

90 Prozent aller politischen Verfahren hätten übrigens nicht in Berlin beim Volksgerichtshof, sondern an den Oberlandesgerichten stattgefunden. Die Menschen vor Ort hätten mitbekommen sollen, welche Strafen Widerstandskämpfern drohte, sagt Form.

Die Ausstellung bezieht sich aber nicht nur auf den Nationalsozialismus und geht auf die Rolle der Sondergerichtsbarkeit ein, sondern auch auf die Zeit danach. Zum einem fand vor 50 Jahren der erste Auschwitzprozess in Frankfurt statt. Zum anderen wird auf den insgesamt 45 Stelltafeln thematisiert, dass in ganz Deutschland kein einziger Richter des NS-Regimes rechtskräftig verurteilt worden ist. Im Gegenteil: Einige hätten auch nach 1945 wieder einen Posten in der hessischen Justiz bekommen, wie zum Beispiel der damalige Amtsgerichtsdirektor in Marburg.

Die Ausstellung ist ab 16. Januar, montags bis donnerstags von 8 bis 17.30 Uhr und freitags von 8 bis 15.30 Uhr, im Foyer des Amtsgerichts zu sehen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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