Reaktionen zu neuem Kinofilm mit Judi Dench über die Kasseler Töchterheimleiterin

Neuer Kinofilm über Kasselerin: War Helene Rocholl Nazi?

Das Augusta-Victoria-College von Helene Rocholl: Die Aufnahme aus dem Jahr 1935 zeigt das Töchterheim in Bexhill-on-Sea samt Tennisplatz. Rocholl führte es von 1934 bis 1939.
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Das Augusta-Victoria-College von Helene Rocholl: Die Aufnahme aus dem Jahr 1935 zeigt das Töchterheim in Bexhill-on-Sea samt Tennisplatz. Rocholl führte es von 1934 bis 1939.

War Helene Rocholl eine überzeugte Nationalsozialistin? In dem neuen englischen Film „Six Minutes to Midnight“ spielt Judi Dench die Frau, die jahrzehntelang in Kassel mehrere Töchterheime leitete und in der Vorkriegszeit auch im britischen Bexhill-on-Sea ein College für Töchter aus Nazi-Deutschland führte.

Kassel - Nach der jüngsten HNA-Berichterstattung über Helene Rocholl (1888-1960) und ihre posthume Filmehre haben die Redaktion interessante Reaktionen erreicht, die geholfen haben, die Geschichte der Kasselerin weiter zu erhellen.

Der in Deutschland noch nicht angelaufene Kinofilm fokussiert sich vor allem auf Rocholls Wirken in dem von ihr gegründeten Augusta-Victoria-College im südenglischen Küstenstädtchen. Das College war eine Sprachenschule und Kaderschmiede für die Töchter von Nazi-Größen wie Bettina von Ribbentrop, Tochter des NS-Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop. Doch die Biografie von Rocholl bietet weitaus mehr, wie auch Tamara Block vom Archiv der deutschen Frauenbewegung aus Kassel recherchierte.

Bild aus Kasseler Zeiten: Helene und Erwin Rocholl im Töchterheim Landhaus in den 20er-Jahren.

Das Archiv hat – auch befeuert durch die Filmveröffentlichung – schon vor einigen Monaten mit den Nachforschungen zu Rocholl begonnen. Sie sei eine interessante Persönlichkeit, deren Biografie bis vor Kurzem noch nicht die nötige Aufmerksamkeit gegolten habe.

Bei weiteren Recherchen von Historikerin Block kam nun heraus, dass die am Niederrhein geborene Tochter eines Gutsbesitzers sich bereits von 1906 bis 1911 in Großbritannien für ihre Ausbildung aufhielt. Im Anschluss arbeitete sie bis 1914 als Privatlehrerin in Brighton. „Laut eigenen Angaben hat sie aber nie, weder in Deutschland noch Großbritannien, ein Lehrerinnenexamen abgelegt. Vielmehr beschreibt sie ihre Tätigkeit in den von ihr geführten Schulen als organisatorischer Art“, so die Historikerin.

Ab dem Ersten Weltkrieg ist belegt, dass Rocholls Lebensmittelpunkt Kassel war. Von 1914 bis 1915 war sie als Rote-Kreuz-Schwester in der Stadt tätig. Anschließend führte sie von 1915 bis 1923 mit dem Haus Bergér an der Schloßteichstraße ihr erstes Töchterheim. 1923 folgten das Töchterheim „Landhaus“ auf der heutigen Marbachshöhe und 1926 das „Haus Tücking“ an der Burgfeldstraße. Diese Einrichtungen wurden von Mädchen aus gutem Hause besucht, die dort Haushaltsführung und Umgangsformen lernten, aber auch höhere Bildung genossen.

„1926 reiste Helene Rocholl zum ersten Mal nach zwölf Jahren Abwesenheit wieder nach Großbritannien und fasste zu diesem Zeitpunkt den Entschluss, dort eine eigene Schule zu führen, die deutschen Schülerinnen das Erlernen der englischen Sprache ermöglichen sollte“, sagt Block. Nach einem kurzen Zwischenspiel im Haus Gwendoline nahe Brighton eröffnete sie 1934 das Augusta-Victoria-College in Bexhill. „Besonders spannend ist dabei, dass das College offenbar von der Universität Cambridge als Sprachenschule anerkannt wurde und Frau Rocholl daher vermutlich sehr gute Beziehungen zu der Universität unterhalten haben muss“, sagt Block.

Alte Anzeige für das College: Diese Werbung erschien in der österreichischen Zeitschrift „Frau im Sport“ 1934.

Aus einem Interview mit einer Zeitzeugin gehe hervor, dass Rocholl sich nicht dauerhaft in Großbritannien aufhielt, sondern nur für Stippvisiten vor Ort war. Das Tagesgeschäft sei von ihrer langjährigen Freundin Pia von Korff erledigt worden, die auch im Film eine Rolle spielt. „Sehr wahrscheinlich ist, dass Rocholl die meiste Zeit in Kassel verbrachte“, so Block. Bis zu zehn Angestellte seien für sie in Bexhill-on-Sea beschäftigt gewesen.

Vor Kriegsbeginn wurde das College – das ein Hakenkreuz in seinem Emblem hatte – im August 1939 aufgegeben. Während des Zweiten Weltkrieges lebte Rocholl an der Kasseler Baunsbergstraße im Haus ihres zweiten Mannes, dem Anwalt Erwin Rocholl. Ihr Mann erlitt als Soldat eine Hirnverletzung und wurde erwerbsunfähig.

In dem Spruchkammerverfahren, das gegen das Ehepaar Rocholl nach dem Krieg eingeleitet wurde, stellte die Töchterheimleiterin sich als Gegnerin der Nationalsozialisten dar. Dies geht aus den Entnazifizierungsakten hervor, die das Archiv der deutschen Frauenbewegung angefordert hatte. Das Ehepaar war zwar in der NSDAP, aber Frau Rocholl argumentierte damit, dass sie sich zeitlebens für die deutsch-englische Freundschaft engagiert habe. Ihr College habe keine politischen Zwecke verfolgt und der Unterricht sei frei von jeglicher Nazi-Ideologie gewesen. Als Beweise legte sie Schreiben der University of Cambridge und der Presbyterian Church of England vor.

Bewohnerinnen des Töchterheims Landhaus: Diese Einrichtung führte Rocholl von 1923 bis 1926.

Zudem enthält ihre Akte Zeugenaussagen, die ihr eine dem Nationalsozialismus ablehnende Haltung bescheinigen. Ihre seit 1933 bestehende Parteimitgliedschaft in der NSDAP erklärt Rocholl damit, dass diese zur reibungslosen Ausübung ihrer Schulleiterinnentätigkeit notwendig gewesen sei. Andernfalls habe sie Probleme bei der Ein- und Ausreise gehabt. Zudem war sie Mitglied im NS-Frauenwerk und in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV).

Das Verfahren gegen Helene Rocholl wurde im Zuge der Weihnachtsamnestie 1947 eingestellt. Historikerin Block sieht darin aber keine Entlastung für Rocholl: „Die Aussagen und Belege von Helene Rocholl sind mit äußerster Vorsicht zu betrachten, da sie bislang nicht gegenreferenziert werden konnten.“ Zur ihrer politischen Einstellung während des Nationalsozialismus seien weitere Recherchen nötig, die das Archiv der deutschen Frauenbewegung durchführen werde.

Es gibt tatsächlich wenig, was über das Leben im College bekannt ist. Überliefert ist aber von Zeitzeugen, dass Hitler-Ansprachen im Radio verfolgt und dessen Geburtstag im College gefeiert worden sein soll. Block ist sich sicher, dass Helene Rocholl gute Kontakte zu Nazi-Größen gehabt haben muss. Anders habe sie ihre Position kaum ausfüllen können. Sie starb 1960 in Tutzing. Am dortigen Starnberger See betrieb sie von 1952 bis 1957 das neue Augusta-Victoria-College. (Bastian Ludwig)

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