Vor Gesetzesnovelle in Hessen

Kasseler Uni-Dozenten warnen vor Schmalspurstudium für Grundschulen

Vor der Novelle des Hessischen Lehrerbildungsgesetzes schlagen Dozenten der Uni Kassel Alarm, die in der Ausbildung der Grundschullehrer tätig sind.

Kassel – Sieben Semester dauert in Kassel wie an anderen hessischen Hochschulen derzeit ein Studium für das Grundschullehramt – abzüglich eines Praxis- und eines Prüfungssemesters. Fünf Semester seien für die universitäre Ausbildung viel zu wenig, sagt der Kasseler Prof. Dr. Norbert Kruse. Hessen habe damit – neben Bayern – die kürzeste und schlechteste Qualifikation bundesweit, so der Professor für Deutschdidaktik in der Primarstufe.

„Jeder Facharbeiter hat eine bessere Ausbildung als Grundschullehrkräfte in Hessen.“

Schon seit Längerem fordern hessische Hochschulen eine Verlängerung der Regelstudienzeit für das Lehramt und hatten auf die Neufassung des Lehrerbildungsgesetzes gehofft, das derzeit in Wiesbaden in Arbeit ist. Noch liegt kein Entwurf auf dem Tisch, doch was vorab bekannt geworden sei, gebe Anlass zur Sorge, so Dr. Verena Freytag, Professorin für ästhetische Bildung und Bewegungserziehung und Sprecherin des Referats für Interdisziplinäre Grundschulpädagogik der Uni Kassel. Offenbar wolle die schwarz-grüne Landesregierung, anders als 2018 im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellt, an der kurzen Studiendauer festhalten.

In der Grundschule werde viel mehr gelehrt als Lesen, Schreiben und Rechnen, betont Freytag. Es gehe auch darum, wichtige Grundlagen für den weiteren Bildungsweg wie die Freude am Lernen zu vermitteln. Durch den gesellschaftlichen Wandel, unterschiedliche soziale und sprachlich-kulturelle Hintergründe der Kinder sowie Inklusion und Digitalisierung hätten sich die Anforderungen an Grundschullehrer spürbar erhöht. Wenn man angehende Lehrkräfte angemessen auf ihren Berufsalltag vorbereiten wolle, brauche es auch in Hessen eine Ausweitung der Regelstudienzeit und der Studieninhalte.

Zehn Semester für alle Lehramtsstudiengänge – diese Empfehlung hatten die sechs lehrerbildenden hessischen Universitäten dem Kultusministerium bereits im Dezember mit Blick auf die Gesetzesnovelle gegeben. Diese sehe offenbar auch die Einführung eines „Langfachs“ vor, berichtet Kruse: eine Art Schwerpunktfach statt der bisherigen drei gleichberechtigten Fächer (darunter verpflichtend Mathe und Deutsch). Ohne Verlängerung der Studienzeit führe eine Vertiefung zugunsten eines Langfachs zu einer weiteren Schwächung andere Inhalte, so Kruse.

Manchem möge eine kurze Studiendauer mit schnellem Berufseintritt attraktiv erscheinen, sagt Felix Böhm, Dozent in der Germanistik. Doch die Attraktivität eines Studiums zeige sich vor allem daran, ob man seinen späteren Beruf gut ausüben könne. „Wenn ich als Lehrer feststelle, dass nach der 4. Klasse jeder fünfte meiner Schüler nicht richtig lesen und schreiben kann, dürfte das wenig befriedigend sein.“

Ein Sprecher des Hessischen Kultusministeriums verwies auf Anfrage der HNA darauf, dass sich der Gesetzesentwurf noch in der Abstimmung befinde. Er betonte, dass auf die „vergleichsweise kurze Studienzeit“ für das Grundschullehramt ein praxisorientierter Vorbereitungsdienst folge. Dieser sei in Hessen mit 21 Monaten länger als in anderen Ländern. Von einem Sonderweg bei der Ausbildung für das Grundschullehramt könne deshalb keine Rede sein. (Von Katja Rudolph)

Sie vermitteln viel mehr als das ABC: Grundschullehrer haben in Hessen aber nur eine vergleichsweise kurze Ausbildung.

Rubriklistenbild: © dpa

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