Dialysepatienten hoffen auf eine Spenderniere und fürchten Auswirkungen des Organspende-Skandals

Warten auf ein neues Leben

Zeit zum Zeitunglesen: Hubert Heckmann muss noch knapp vier Stunden an der Blutwäsche angeschlossen sein. Dazu wird Dialysepatienten ein zentraler Venenzugang (Shunt) implantiert. Fotos: Koch

Kassel. Nur langsam wird die Zeitgrafik auf dem Monitor kleiner. Noch über drei Stunden muss Harald Rehbein auf der Behandlungsliege ausharren. Es dauert jedes Mal fünf Stunden, bis sein Blut 60-mal durch den Dialyseapparat gelaufen ist. Vor zwei Jahren hatten die Nieren des 63-Jährigen ihren Dienst versagt. Seitdem hängt er an der Blutwäsche und wartet, wie über 500 Patienten aus der Region, auf ein Spenderorgan. Der Organspende-Skandal an den Universitätskliniken Göttingen und Regensburg beunruhigt ihn, weil er fürchtet, dass die Bereitschaft zur Organspende zurückgehen wird. Bislang rechnete er mit einer Wartezeit von weiteren drei bis vier Jahren.

Harald Rehbein hat gelernt, mit seiner Krankheit zu leben. Jeden Tag braucht er 14 Tabletten. „Das sind über 5000 im Jahr“, rechnet er vor. Der Dialysepatient musste seine Ernährung umstellen. So sollte er möglichst kein Kalium oder Sulfat zu sich nehmen. „Ich habe die Krankheit akzeptiert, musste sie akzeptieren“, sagt der verheiratete Vater von zwei erwachsenen Töchtern.

Er sei nicht mehr so aktiv wie früher. Vor allem nach der Dialyse sei er immer sehr geschafft, schildert Rehbein. Normalerweise kommt der Rentner aus Edermünde, der 37 Jahre bei VW in Baunatal arbeitete, dreimal in der Woche in das PHV-Dialysezentrum an der Herkulesstraße.

Muskulatur baut ab

Durch das lange Liegen während der Blutwäsche spüre man deutlich, wie sich die Muskulatur zurückbildet, sagt Hubert Heckmann, der im Nebenraum behandelt wird. Der 57-jährige Lohfeldener ist froh, dass er dank moderner Medizin sogar seinen Beruf als Beamter noch ausüben kann. Auch er hofft bald auf einen Anruf, der sein Leben von Grund auf ändern könnte. Dann, wenn sich ein Spenderorgan gefunden hat, das ihm ein neues Leben mit einer besseren Qualität schenken könnte.

Sicher müsste er dann auch Medikamente nehmen, die eine Abstoßung des Spenderorgans verhindern sollen. Aber der verheiratete Vater einer Tochter müsste nicht mehr dreimal in der Woche zur Dialyse, könnte ein spontaneres, freieres, gesünderes, vielleicht auch längeres Leben führen. Die Hoffnung darauf ist bei Harald Rehbein und Hubert Heckmann in den vergangenen Wochen etwas kleiner geworden. Sie fürchten, wie viele andere Patienten, die vielleicht noch dringender auf ein lebensrettendes Organ - eine Niere, eine Lunge, eine Leber oder Bauchspeicheldrüse - warten, dass es wegen des Organspende-Skandals künftig noch weniger Spenderorgane geben könnte.

„Die Patienten sind die Opfer“, sagt Hubert Heckmann und blickt dabei auf sein Gegenüber: einen jungen Patienten, keine 30 Jahre alt, der bereits als Kleinkind erkrankt war und der dringend eine neue Spenderniere braucht. HINTERGRUND

Von Martina Heise-Thonicke

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