Familie Bostan aus Afghanistan lebt seit einem Jahr im Flüchtlingsheim in Wehlheiden

Das Warten zermürbt

Wünschen sich eine Wohnung in Kassel: Die Familie Bostan aus Afghanistan lebt seit einem Jahr auf 45 Quadratmetern in der Gemeinschaftsunterkunft in der Jägerkaserne. Nima (6), Juma Gul Bostan mit dem einjährigen Navid und seiner Frau Adela sind dankbar für die Hilfe, die sie in Deutschland erfahren. Foto: Schachtschneider

Kassel. Seine ersten Schritte hat der kleine Navid in Kassel gemacht. Jetzt tapst der Einjährige schon erstaunlich flink durch die kleine, schlichte Wohnung in der ehemaligen Jägerkaserne an der Ludwig-Mond-Straße. Hier wohnen Adela und Juma Gul Bostan mit ihren beiden Söhnen seit gut einem Jahr. Nach fünf Monaten auf der Flucht - die Mutter hochschwanger mit Navid - konnten sie hier erstmals zur Ruhe kommen. Aus ihrer Heimat Afghanistan, wo sie in Herat lebten, sind sie wegen des Bürgerkriegs geflohen.

„Ich hatte große Probleme“, sagt der 25-jährige Familienvater. Mehr möchte er nicht erzählen, man merkt ihm an, dass die Vergangenheit ihn belastet. „Zurück“, sagt er in seiner Muttersprache, „kann ich nicht mehr.“ Jetzt hofft die Familie, dass sie dauerhaft in Deutschland bleiben kann. Noch sind sie nicht als Flüchtlinge anerkannt. Das Warten und die Ungewissheit machen den Eltern zu schaffen.

Sie wünschen sich, dass die Kinder in Kassel aufwachsen und zur Schule gehen können. Der sechsjährige Nima besucht bereits den Kindergarten. Er selbst habe früher keine Schule besuchen können, erzählt der Vater. Seinen Söhnen möchte er unbedingt eine gute Ausbildung ermöglichen. In Afghanistan hat der 25-Jährige unter anderem auf dem Bau gearbeitet. Im neuen Jahr darf er auch in Kassel eine Arbeit aufnehmen, in einem afghanischen Restaurant. Ein Lichtblick, ein Schritt in ein normales Leben. „Immer nur ohne etwas zu tun zu Hause sitzen, das ist nicht gut.“

Beklagen will sich das freundliche, zurückhaltende Ehepaar nicht. „Gemütlich“ sei es in ihrer etwa 45 Quadratmeter großen Wohnung in der Flüchtlingsunterkunft, sagen sie. Es gibt einen kleinen Wohnraum mit Kochnische und ein Schlafzimmer. Im winzigen Kinderzimmer hängt ein Poster mit zwei Bernhardiner-Welpen. Dennoch wünschen sich die Bostans eine normale Wohnung in Kassel. Dass das nicht leicht ist, wissen sie auch von den anderen Flüchtlingsfamilien im Heim.

Fünf Jahre lang hat die 36-jährige Mahbubeh Touhidloo aus dem Iran mit ihrem Mann nach einer Wohnung für die fünfköpfige Familie gesucht. Sie übersetzt bei unserem Treffen mit Familie Bostan, auch ihr Töchterchen Tara (4) plappert quietschfidel in akzentfreiem Deutsch dazwischen. Die beiden Brüder sind schwerstbehindert und haben eine lebensverkürzende Krankheit.

Nach langer Suche hat die Familie zum 1. Februar nun eine Wohnung in der Nordstadt gefunden, die barrierefrei ist und auch Platz für zwei Pflegebetten bietet. Wenn sie ausziehen, wird ihre Wohnung in der Jägerkaserne schnell wieder belegt sein. Im neuen Jahr rechnet die Stadt Kassel mit bis zu 270 neuen Flüchtlingen.

Von Katja Rudolph

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