Von der EU gefördert

Strich für Strich in die Freiheit: Warum Häftlinge im Gefängnis eine Berufsausbildung machen dürfen

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Mit Begeisterung und Talent bei der Sache: Der Häftling Bernhard (51) vor einer seiner Arbeiten in der Malerwerkstatt der Sozialtherapeutischen Anstalt.

In Kassel können Häftlinge im Gefängnis eine Berufsausbildung machen. Das hilft den Männern nicht nur für die Zeit nach der Haft - es dient auch dem Schutz potentieller Opfer.

Mit einem Pinsel quer im Mund, dem anderen in der Hand arbeitet Bernhard* an seiner Wandmalerei. Aus dem Ozeanmotiv ragen zwei Säulen hervor, durch die sich der Blick auf einen karibischen Stand öffnet. „Mein Fenster zur Freiheit“, sagt der 51-Jährige, und ein breites Lachen geht über sein Gesicht. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht. In Sozialtherapeutischen Anstalt (Sotha) in Wehlheiden qualifiziert der Mehrfachstraftäter sich nun zum Maler und Lackierer.

Qualifizierung von Straftätern wichtig

Das ist auch dank einer Förderung aus EU-Mitteln möglich. Die Kosten von jährlich 195.000 Euro für 16 Ausbildungsplätze zum Maler/Lackerier sowie weitere 16 zum Elektroanlagenmonteur trägt zur Hälfte das Land. Die andere Hälfte wird aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert, wie Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann bei einem Besuch in der JVA Kassel II kurz vor der Europawahl erläuterte. In die Qualifizierung von Straftätern zu investieren, diene auch dem Opferschutz, betonte Kühne-Hörmann. „Das ist Ausbildung für eine straffreie Zukunft.“

Selbstgebauter Fahrstuhl: Der Gefangene Daniel (links), der eine Ausbildung zum Elektroanlagenbauer macht, mit Werkmeister Mario Götzmann in der Werkstatt.

Häftling Andreas: "Es ist eine Änderung eingetreten.“

Von der träumt auch Andreas, 47 Jahre alt. Hinter Gittern hat er sein Faible aus jungen Jahren für die Malerei wiederentdeckt. Nach einem Abschluss als Innungsbester ist er nun als Ausbildungshelfer in der Malerwerkstatt der Sotha eingesetzt. Für seine Zeit nach der Haft hat er ein Praktikum in einem Lackierbetrieb für Motorräder in Aussicht. „Ich will nicht sagen, dass die Haft sich gelohnt hat“, sagt der 47-Jährige, „aber es ist eine Änderung eingetreten.“ Früher sei ihm vieles egal gewesen. Heute merkt man dem Mann seinen Ehrgeiz an.

Lehrlinge müssen permanent beaufsichtigt werden

Solche Ausnahmetalente seien allerdings nicht die Regel, stellt Werkmeister Stefan Krause klar. „Wir haben schon eine schwere Klientel“, sagt der Malermeister, der im Strafvollzug arbeitet. Bei vielen Häftlingen liegt die Schulzeit lange zurück und verlief häufig holprig. Auch müssen die Lehrlinge permanent beaufsichtigt werden, besonders beim Umgang mit Messern, Scheren oder anderen gefährlichen Gegenständen. Dafür habe man im Gefängnis mehr Zeit, individuell auf jeden einzugehen.

Bisher hat jeder Häftling seine Prüfung bestanden

Ein paar hochsicherheitsgeschützte Türen weiter liegt die Elektrowerkstatt der Sotha. Dort leitet Mario Götzmann die Gefangenen an. Sechs seiner Azubis haben gerade die schriftliche Prüfung hinter sich. Wie es war? Verhaltenes Kopfnicken kommt von den Männern. „Bisher hat jeder, der es bis zu Prüfung geschafft hat, auch bestanden“, sagt der Elektromeister.

Abbruch der Ausbildung ist die Ausnahme

Dass einer der Lehrlinge aus mangelnder Motivation abspringt, sei – anders als in richtigen Ausbildungsbetrieben – die Ausnahme, berichten die Werkmeister. Für viele Häftlinge, deren Biografien bisher vom Scheitern geprägt waren, öffne die Ausbildung nicht nur Perspektiven für das Leben nach der Haft, sondern bedeute auch eine Stärkung des Selbstbewusstseins.

* Aus Datenschutzgründen dürfen die Nachnamen der JVA-Insassen und die Straftaten, deretwegen sie verurteilt sind, nicht genannt werden.

VON KATJA RUDOLPH

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