Interview mit Streikforscher

Warum wir mit härteren und längeren Streiks rechnen müssen

Streik in Kassel: Beschäftigte im öffentlichen Sozial- und Erziehungsdienst demonstrierten im April vor dem Kasseler Rathaus. Inzwischen sind 33 städtische Kitas von den Arbeitskämpfen betroffen. Archivfoto: Koch

Kassel. Lokführer, Piloten, Erzieher und Post-Mitarbeiter: In den vergangenen Monaten gab es in Deutschland eine wahre Streikwelle. Aber warum?

Über die Ursachen und mögliche Entwicklungen sprachen wir mit dem Streikforscher Dr. Jörg Nowak von der Uni Kassel.

Wird heute mehr gestreikt als früher?

Jörg Nowak: Wir haben aktuell mehr Streiks als noch vor zehn Jahren. Die Häufung in den vergangenen Wochen ist außergewöhnlich. Allerdings war die Streikzahl in den 70er- und 80er-Jahren noch höher. Seit einigen Jahren ist zudem ein Trend zu beobachten, dass die Mitarbeiter im Dienstleistungssektor häufiger ihre Arbeit niederlegen als in der Industrie.

Womit hängt dieser Trend zusammen?

Nowak: Das hat mit der Privatisierung von Bereichen wie Post und Bahn zu tun. Dort waren die Arbeitsbedingungen früher besser. Zudem sind heute mehr Menschen im Einzelhandel und in der Kinderbetreuung beschäftigt. Die Kinderbetreuung hat zwar insgesamt einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft, doch an den Arbeitsbedingungen hat sich nichts verändert. Im europäischen Vergleich sind sie sogar ziemlich schlecht.

Wird die Streikfrequenz im Dienstleistungsbereich weiter steigen?

Nowak: Es ist schwer, eine Prognose abzugeben. Aber ich gehe davon aus, dass der Dienstleistungssektor auch weiter stark umkämpft sein wird. Gleiches gilt für den Gesundheitsbereich. Dort spielt die Privatisierung von Kliniken eine Rolle. Gerade in Ostdeutschland sind viele Menschen im Gesundheitswesen nur mit Werkverträgen beschäftigt. Auch bei den Wachleuten an den Flughäfen wird häufiger gestreikt. Früher hat diese Kontrollen die Polizei erledigt.

Die Verschärfung des Arbeitskampfs hat doch aber nicht allein mit Privatisierungen zu tun?

Nowak: Nicht nur im Einzelhandel gibt es immer mehr Werkverträge und befristete Anstellungen. Dadurch entsteht eine Unzufriedenheit. Bei der Post sind 20 000 Zusteller befristet beschäftigt. Die Leute waren auch vorher schon unzufrieden, aber aus Angst um den Arbeitsplatz haben sie sich nicht gewehrt. Jetzt ist die Belastung aber so hoch, dass sie diesen Schritt gehen. So spielt bei Lehrern und Lokführern stärker die Arbeitsbelastung als die Bezahlung eine Rolle.

Ist der Eindruck richtig, dass vor allem Mitarbeiter in Berufen, deren Tätigkeit unmittelbar Einfluss auf die Menschen hat, ihre Rechte durchsetzen können?

Nowak: Es spielt immer eine Rolle, wie viel Druck die Arbeitnehmer aufbauen können. Dies ist etwa für Piloten und Lokführer relativ einfach. Wenn sie nicht zur Arbeit gehen, spüren es die Konzerne in der Bilanz und die Bürger im Alltag. Etwas anders ist es jetzt bei den Erziehern. Während ihres Streiks erhalten sie Streikgeld und die Kommunen sparen sogar noch etwas. Das Problem haben vor allem die Eltern.

Besteht so nicht die Gefahr, dass sich die Löhne bald danach entwickeln, wie sehr es einem Berufsstand gelingt, Druck auszuüben?

Nowak: Die Gefahr gibt es. Das Lohngefüge könnte sich auf diese Weise weiter aufsplitten. Weil sich die Flächentarifverträge immer weiter auflösen, gibt es diesen Trend ohnehin schon. Im europäischen Vergleich haben wir in Deutschland eine der größten Lohnspreizungen.

Wie steht es um die Solidarität der Menschen mit den Streikenden?

Nowak: Selbst nach den häufigen Lokführerstreiks sind nach den jüngsten Umfragen immer noch 50 Prozent der Menschen auf der Seite der Lokführer. Beim Erzieherstreik ist allerdings sehr viel mehr Sympathie für die Betroffenen zu beobachten.

Zur Person

DR. JÖRG NOWAK  (42) ist Politikwissenschaftler und Streikforscher an der Uni Kassel. Er hat in Kassel promoviert und ist dort inzwischen Fellow (Gastmitglied) des internationalen Promotionskollegs Global Social Policies and Governance. Nowak lebt in Berlin.

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