Weitere Anklage: Warum Mehmet Gökers Straftaten in der Türkei hierzulande verfolgt werden

Erfahrungen mit der Kasseler Justiz: Mehmet Göker mit seinem Hannoveraner Anwalt Professor Dr. Michael Nagel vor Jahren im Flur des Kasseler Justizgebäudes an der Frankfurter Straße. Heute entzieht sich Göker dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörden. Archivfoto: Herzog

Kassel. Die angeklagte Straftat - das Beiseiteschaffen von Teilen seines Vermögens - hat Mehmet Göker in der Türkei begangen. Warum wird er dann hier von der Kasseler Staatsanwaltschaft verfolgt?

Das deutsche Strafrecht findet auch bei Taten im Ausland Anwendung, wenn hierzulande Rechtsgüter beschädigt oder gefährdet wurden, argumentiert die Staatsanwaltschaft. Und die Gläubiger, die den Schaden haben, säßen zudem schließlich in Kassel. Inzwischen, so heißt es, sollen einige Gläubiger Strafanträge gegen Göker gestellt haben.

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Der 35-Jährige wurde in der Vergangenheit bereits rechtskräftig verurteilt: Am 29. Juli 2008 wurde er vom Amtsgericht Kassel wegen gemeinschaftlicher Steuerhinterziehung (acht Fälle) und Vorenthalten von Arbeitsentgelten (acht Fälle) zu einer Geldstrafe von 720 000 Euro (720 Tagessätze zu 1000 Euro) verurteilt.

Am 22. April 2010 wurde er erneut vom Amtsgericht Kassel wegen Bedrohung und Beleidigung zu einer Geldstrafe von 2500 Euro (50 Tagessätze zu 50 Euro ) verurteilt. Im September 2011 erhielt er wegen Untreue eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten. Das Berufungsverfahren wurde dann eingestellt, weil stattdessen noch eine weitaus schwerwiegendere Anklage wegen des unerlaubten Handelns mit Datensätzen zu erwarten war. Diese Anklage wurde von der Staatsanwaltschaft dann tatsächlich Ende April 2013 erhoben.

Gründungsjahr 2006 

Mehmet Göker ist ausgebildeter Versicherungskaufmann. Im April 2006 gründete er die MEG AG. Er war bis September 2009 alleiniger Aktionär der Firma. Zugleich war er Vorstandsvorsitzender und traf alle wichtigen Entscheidungen. Die Geschäfte mit privaten Krankenversicherungen liefen zunächst gut, was die Öffentlichkeit vor allem durch den zur Schau gestellten luxuriösen Lebenswandel der MEG-Führungsriege (Fuhrpark mit diversen Ferraris) bemerkte.

Insolvenzverfahren

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Spätestens ab 2008 / 2009 ging es aber bergab. Mehmet Göker entnahm aus dem Unternehmen für sich Geldbeträge in Millionenhöhe. Mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden schloss er vier Darlehensverträge und Schuldanerkenntnisse über vier Millionen Euro ab. Das Ende der MEG zeichnete sich ab, als für die vielen Vertreter des Versicherungsvermittlers Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuern fällig wurden, die nie gezahlt worden waren.

Im Januar 2010 beschloss das Amtsgericht die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. In Kassel warten seitdem Gläubiger und die Staatsanwaltschaft auf Mehmet Göker. Denn es gibt auch noch Anklagen wegen Insolvenzverschleppung und gewerbsmäßigen Betrugs gegen ihn. Da die Staatsanwaltschaft Kassel einen internationalen Haftbefehl gegen Mehmet Göker erwirkte, setzte der sich in die Türkei ab - er ist türkischer Staatsbürger, und ein Auslieferungsverfahren zwischen der Türkei und Deutschland gibt es nicht. Mehmet Göker ist heute offiziell bei seiner Mutter angestellt und macht aus der Türkei heraus weiter Geschäfte.

Ob er jemals vor einem deutschen Gericht erscheint, ist somit höchst ungewiss. Bei der Staatsanwaltschaft hieß es gestern lapidar: Derzeit sei „kein Hauptverhandlungstermin gegen Herrn Göker anberaumt“.

Von Frank Thonicke

 

Fotos: Mehmet Göker vor dem Kasseler Amtsgericht

Mehmet Göker vor dem Kasseler Amtsgericht

Fotos: Mehmet E. Göker - einst schillernder Unternehmer

Mehmet E. Göker - einst schillernder Unternehmer

Archivvideo: Mehmet Göker 2011 in Kassel vor Gericht

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