Hauseigentümer sollen vom Umstieg überzeugt werden

Fernwärmenetz von Kassel soll wachsen: Anschlusszwang für einzelne Gebiete wird diskutiert

Fernwärmekarte von Kassel
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Netzkarte: Hier liegen Fernwärmeleitungen

Die Städtischen Werke wollen beim Ausbau des Fernwärmenetzwerks in Kassel das Tempo erhöhen. Zwar wurde schon bislang das Leitungsnetz von Jahr zu Jahr länger, aber nun soll es auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt bis 2030 noch schneller gehen.

Kassel – Die Städtischen Werke wollen eine Empfehlung des Klimaschutzrates umsetzen: mehr Tempo beim Ausbau des Fernwärmenetzes. Bereits heute wird ein Viertel des Wärmebedarfs in Kassel durch die Fernwärme abgedeckt. Durch ein 179 Kilometer langes gedämmtes Rohrsystem wird thermische Energie aus Kasseler Kraftwerken in Privathaushalte und Firmen geleitet, die somit keine eigene Heizanlage benötigen. Weil die zentrale Versorgung eine bessere CO2-Bilanz aufweist, sollen Haushalte und Firmen zum Umdenken bewegt werden.

Nach Auskunft von Gudrun Stieglitz, Chefin der Kasseler Kraftwerke, könnte die bisherige Versorgungsleistung verdoppelt werden. Die Kasseler Fernwärme entsteht bei der gleichzeitigen Stromproduktion im Müllheizkraftwerk, im Fernwärmekraftwerk und im Kombiheizkraftwerk an der Dennhäuser Straße sowie im Biomassekraftwerk Mittelfeld. Bisher stehen die Kraftwerke an der Dennhäuser Straße im Sommer still, weil es keine Wärme-Abnehmer gibt. Aus dem gleichen Grund wird im Müllheizkraftwerk produzierte Wärme teils in die Fulda geleitet.

Bislang wird der Großteil der Kasseler Gebäude mit Gas versorgt. 63 Prozent des stadtweiten Wärmebedarfs wird so erzeugt – nur in den dicht besiedelten Stadtteilen Mitte und Vorderer Westen spielt Fernwärme eine größere Rolle. Ölheizungen machen in Kassel nur acht Prozent aus.

„Bei größeren Verbrennungsprozessen bekommt man eine effizientere Wärmebereitstellung hin als bei vielen kleinen. Zudem können in zentralen Wärmeversorgungsanlagen regenerative Energien effizienter eingebunden werden“, so Ulrike Jordan vom Institut für Thermische Energietechnik der Uni Kassel. Jordan leitet die Themenwerkstatt Energieversorgung, die dem Klimaschutzrat zuarbeitet. Das Ziel ist die Klimaneutralität bis 2030. Teil der Kasseler Wärmeplanung ist zudem die Einbindung eines riesigen Speichers, der die im Sommer gewonnene Wärme bis zum Winter speichern soll.

Um Hauseigentümer von Fernwärme zu überzeugen, soll es eine Initiative geben. Aktuell ist die Versorgung teurer als Gas und Öl, aber durch die steigende CO2-Steuer wird Fernwärme attraktiver. Bei ihr schlägt die Steuer weniger zu Buche. Zudem fallen die Kosten für einen Heizkessel weg. Spätestens beim Austausch einer Anlage ist der Umstieg zu überlegen, so Stieglitz. Der Anschluss werde mit bis zu 40 Prozent gefördert.

Kasseler können sich grundsätzlich an die Fernwärmeleitungen anschließen lassen. Allerdings ist bisher nicht in jedem Stadtgebiet die Infrastruktur vorhanden. Auf sw-kassel.de gibt es eine Übersicht, die zeigt, ob Fernwärmerohre in der Nachbarschaft liegen. In einigen deutschen Kommunen gibt es aus Umweltschutzgründen einen Anschlusszwang. Dieser wird in Kassel für geeignete Gebiete diskutiert, soweit es zu marktgerechten Konditionen möglich ist. 

Fragen und Antworten zum Thema

Was ist Fernwärme?

Fernwärme ist thermische Energie, also Warmwasser und Heizwärme, die vor allem in Kraft-Wärme-Kopplung, sprich der gleichzeitigen Gewinnung von Strom und Wärme, erzeugt wird und über Rohre vom Kraftwerk zum Kunden gelangt.

Ist Fernwärme umweltschonender?

Ja, sie ist aus mehreren Gründen ökologischer. Zum einen ist da die zentrale Erzeugung. Diese ist effizienter als der Betrieb vieler einzelner Heizkessel. Es werden bei der gleichen Menge erzeugter Wärme deutlich weniger Rohstoffe verbraucht. Zudem lässt sich eine zentrale Anlage einfacher und schneller modernisieren. Durch die Einbindung von großen Wärmepumpen und regenerativen Energien könnte ihre Effizienz weiter gesteigert werden.

Die Kasseler Heizkraftwerke werden überdies mit Abfall, Altholz und getrocknetem Klärschlamm betrieben. Der Anteil der verfeuerten Kohle am Kraftwerksstandort Dennhäuser Straße wird kontinuierlich reduziert. Dadurch falle die CO2-Bilanz besser aus als bei der Verbrennung von Gas oder Öl, erläutert Gudrun Stieglitz, Geschäftsführerin der Städtische Werke Energie und Wärme GmbH. Zudem verfügten heimische Anlagen nicht über eine so moderne Filtertechnik wie Kraftwerke.

Ist Fernwärme nicht teurer als Gas und Öl?

Ja, sie ist teurer als etwa Gas oder Öl. Allerdings fallen die Investitionskosten in einen eigenen Heizkessel weg. Es wird lediglich eine Fernwärmeübergabestation installiert. Zudem gibt es keine Reparatur- und Wartungskosten.

Die exakten Kosten für die Fernwärme hängen davon ab, ob nur die Heizungen mit Wärme versorgt werden müssen oder auch die Warmwasserbereitung erfolgen soll. Bei den Anschlusskosten spielt zudem eine Rolle, wie weit die nächste Transportleitung entfernt ist, um welchen Haustyp es sich handelt und welchen Durchmesser die Leitungen haben. „Die Bedingungen werden bei jedem Hauseigentümer geprüft, und er erhält anschließend ein Angebot, bei dem die Fördermöglichkeiten mit eingerechnet werden“, so Stieglitz.

Aber für wen rechnet sich Fernwärme?

In dicht besiedelten Gebieten ist sie besonders rentabel. Umso mehr Parteien in einem Haus wohnen, desto eher lohnt sie sich. „In Großstädten wird die Wärme für Gebäude in Zukunft überwiegend durch Nah- und Fernwärme bereitgestellt werden müssen“, sagt Prof. Ulrike Jordan vom Institut für Thermische Energietechnik an der Uni Kassel. Dezentrale Wärmeversorgung wird sich auf den Stadtrand beschränken.

Ist Fernwärme die alleinige Lösung auf dem Weg zur Klimaneutralität?

Nein, der Ausbau des Fernwärmenetzes ist nur ein Baustein. Deshalb hatte der Klimaschutzrat beschlossen, einen Wärmeleitplan zu erstellen. Auf dessen Basis soll entschieden werden, für welche Stadtbereiche welche Versorgung (Fernwärme, Nahwärme, dezentrale Versorgung) sinnvoll ist. Zusätzlich zum Netzausbau sollen andere Wärmequellen wie industrielle Abwärme, Erdwärme und Solarthermie in das Konzept einfließen. An der Uni wurde bereits ein Wärmeatlas erstellt, der Grundlage der weiteren Überlegungen ist. (Bastian Ludwig)

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