Ex-Bundesfinanzminister Hans Eichel über den neuen US-Präsidenten Joe Biden

Was geht mit 78? Altersgenossen von Joe Biden erklären, wie man noch mal durchstartet

US President-elect Joe Biden speaks at The Queen theater in Wilmington, Delaware on January 8, 2021, to announce key nominees for his economic and jobs team.
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Wird der nächste und älteste US-Präsident der Geschichte: Joe Biden ist 78 und sagt, dass seine Gesundheit gut sei. Aber er ist sich „im Klaren, dass jedem jederzeit – unabhängig vom Alter – etwas passieren kann“.

Mit 78 Jahren wird Joe Biden der älteste Präsident der USA. Aber wie ist es, so alt zu sein und neue Herausforderungen anzunehmen. Wir lassen fünf Altersgenossen zu Wort kommen.

Hans Eichel (79, ehemaliger Kasseler Oberbürgermeister, hessischer Ministerpräsident und Bundesfinanzminister, lebt mit seiner Frau im Vorderen Westen)

Als die Demokraten Joe Biden nominierten, dachte ich: Habt ihr denn keinen Jüngeren oder keine Jüngere? Dennoch kommt es in der Politik nicht auf das Alter an. Es zählt vor allem, wie fit einer geistig und körperlich ist. Bei Biden habe ich da keine Zweifel. Durch seine lange politische Karriere ist er bestens vorbereitet. Er hat ein außerordentlich vielversprechendes kompetentes Team. Das imponiert mir. Und er ist nicht der erste, relativ alte Staats- und Regierungschef. Konrad Adenauer war am Ende seiner Amtszeit 87. Und Malaysia hatte gerade einen Ministerpräsidenten, der sogar über 90 war.

Wenn es einen Vorteil des Alters gibt, ist es die Erfahrung. Man bekommt eine größere Übersicht, wird aber oft auch ungeduldiger. Wer heute 78 ist, fühlt sich nicht und ist auch nicht so alt wie ein 78-Jähriger früher. Immanuel Kant wurde schon mit 50 als Greis angeredet.

Weil man im Alter sowieso weniger schläft, hat man mehr Zeit. Dafür muss man sich aber fit halten. Man sollte aktiv und neugierig bleiben. Ich lese und schreibe viel. Für die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft bin ich viel unterwegs, wenn Corona das nicht einschränkt.

Europa, der Klimawandel und die Finanzpolitik, der Umbau unserer Wirtschaft zu einer Kreislaufwirtschaft, das sind meine bevorzugten Themen. Das macht auch im Alter Spaß.

Für Biden geht es jetzt erst richtig los. Er muss vor allem die Gräben zuschütten, die Donald Trump aufgerissen hat.

Ruth Weiß (79, Rentnerin, lebt mit ihrem Mann in Kirchditmold)

Sie wollen wissen, wie das Leben mit Ende 70 ist? Ich würde erst einmal sagen, dass für mich die besten Jahre zwischen 30 und 40 waren. Da lebt man total bewusst. Heute tun einem nach der Gartenarbeit die Gelenke weh. Nach ein paar Entspannungsübungen ist es aber wieder gut. Wenn man zum Beispiel ein Buch liest, kommt es einem nicht so vor, als gehe man auf die 80 zu.

Wir sind 1978 nach Kassel gezogen, vorher haben wir in Berlin gelebt, wo jetzt unsere Söhne wohnen. Trotzdem sind wir hier geblieben. Kassel ist unsere Heimat geworden. Es ist eine gute Stadt zum Altwerden, weil es hier nicht so hektisch und groß ist. Hier haben wir alles, was wir brauchen: Kunst, Kultur, Konzerte und Kinos. Außerdem Natur, in der man herrlich wandern kann. Schöner kann man es nicht haben.

Jahrelang war ich im Verein Roseninsel Park Wilhelmshöhe und in der Rosensammlung aktiv. Die ehrenamtliche Arbeit dort hat mir sehr viel gegeben. Irgendwann war es aber auch genug. Wegen Corona sind mein Mann, der zur Hochrisikogruppe zählt, und ich sehr vorsichtig.

Joe Biden wünsche ich vor allem Gesundheit. Er sieht sympathisch aus und soll ein gescheiter Mensch sein. Es würde Amerika und uns guttun, wenn er das umsetzen kann, was er sich vorgenommen hat.

Thorwald Proll (79, Lyriker, wurde bekannt, als er am 2. April 1968 mit den späteren RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin zwei Frankfurter Kaufhäuser in Brand steckte, der gebürtige Kasseler lebt in Hamburg)

Ich glaube nicht, dass es durch Biden große Veränderungen in der internationalen Politik gibt. Aber es ist ein positives Zeichen, dass er Präsident wird. Es ist gut, wenn alte Menschen zu Amt und Würden kommen. Denn auch sie können noch gute Taten vollbringen. Im Alter wird man zu einem Betrachter. Man schaut mehr auf das Leben, als dass man eingreift.

Die Rente mit 65 hat für mich vor allem etwas mit der Art der Arbeit zu tun. Menschen, die in ihrem Leben schwer arbeiten müssen, sind froh, wenn sie aus der Fron entlassen werden. Das war auch bei meinem Großvater so, der in den 1920er-Jahren frühmorgens aufstehen musste, um als Schaffner die Strecke von Kassel nach Königsberg und zurück zu fahren.

Schwere Arbeit kostet Lebensenergie. Mein Menschsein dagegen ist vor allem geistige Arbeit. Ich bin Lyriker, schaue den Dingen zu und feile dann an meinen Texten wie ein Schlosser mit der Feile. Hobbys habe ich noch nie gehabt. Ich halte mich lieber mit alltäglichen Dingen fit. Ich gehe spazieren und einkaufen und hole die Post aus dem Briefkasten. Und ich schlafe mehr als früher. Biden wird sich auch fit gehalten haben, wenn er schon so alt geworden ist. Erfolg und Misserfolg hängen aber nicht vom Alter ab.

Ich könnte mir vorstellen, auch noch einmal mit etwas Neuem anzufangen. Vielleicht mache ich endlich meinen Führerschein. Als Schüler bin ich in Kassel durch die Fahrprüfung gefallen. Mein Vater war so enttäuscht, dass er mir kein Geld für weitere Fahrstunden gab. Ich habe es bis heute nicht nachgeholt, weil ich ein Auto nie gebraucht habe.

Heidi de Vries (78, Schauspielerin, lebt in Kirchditmold)

Als sich Joe Biden für die Präsidentschaftskandidatur bewarb, habe ich das zunächst bedauert. Ich habe mich gefragt: Warum haben die Demokraten keinen Jüngeren? Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass er den anstrengenden Wahlkampf durchhalten würde. Umso erstaunter bin ich nun, dass er es geschafft hat.

Er ist ein Vorbild für andere Senioren. Jahrzehnte lang herrschte ein Jugendwahn, der sich aber längst überlebt hat. Ich freue mich, dass Ältere heute aktiv sein wollen. Eine Freundin von mir geht mit 82 regelmäßig rudern und ist unglaublich fit. Ich spiele Golf und mache gern Sport in der Gruppe. Das geht nun nicht. Darum sitze ich zuhause auf dem Ergometer und mache allein meine Übungen für den Rücken, dem es nicht so gut geht.

Ausruhen ist wichtig, aber ich will nicht die ganze Zeit auf dem Sofa liegen – gerade jetzt nicht, wo das Telefon direkte Gespräche mit Menschen ersetzt. Meine Arbeit in der Gesellschaft ist noch nicht beendet. Vor zwei Jahren habe ich mit den Schülern der Schauspielschule Kassel das Stück „Tschick“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf inszeniert. Das war toll. Theater und Musik werden auch weiter mein Leben bestimmen. Ich will mich noch nicht aufs Altenteil setzen. Die SPD-Politikerin Elisabeth Selbert saß auch noch mit 85 in ihrer Kanzlei.

Wilfried Strube (79, Rentner, lebt mit seiner Frau im Vorderen Westen)

Der Mann hat Mut. Wer mit 78 US-Präsident wird, muss fit sein. Ich wünsche Joe Biden, dass er die Amtszeit durchhält. Mit Kamala Harris hat er eine junge Politikerin an seiner Seite. Ich kann mir vorstellen, dass sie übernimmt, wenn er nicht mehr kann.

Auch in unserem Alter ist das Leben noch lebenswert. Ich engagiere mich im Erzählkreis des Stadtmuseums und schreibe für die Internet-Seite „Erinnerung im Netz Bettenhausen“ Artikel über die lokale Geschichte. Wenn wir Älteren das nicht festhalten, wissen die Jungen bald vieles nicht mehr.

Man sollte so lang wie möglich aktiv sein. Mein letztes Spiel als Hobby-Fußballer habe ich mit 55 gemacht – für die Alten Herren. Nachdem ich als Kaufmann in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft in Rente gegangen bin, habe ich mich im Mieterbund engagiert und war Schatzmeister beim Kleingartenverein Forstgelände Waldau.

Wegen Corona gehe ich nur noch zum Einkaufen aus dem Haus. Vom Fußball habe ich im rechten Knie Arthrose. Ansonsten bin ich aber fit und kümmere mich um meine Frau, der es nicht mehr so gut geht. Und jeden Morgen rufe ich meine E-Mails ab.

Hoffentlich kann ich mit meinen Enkeln bald wieder Ausflüge machen. Von denen habe ich eine Borussia-Dortmund-Tasse geschenkt bekommen. Darauf stand: „Unser bester Opa.“ (Aufgezeichnet von Matthias Lohr)

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