Was wird aus Beleggeburten?

Alte Verträge an Diakonie-Kliniken gekündigt: Was das für Schwangere bedeutet

Kassel. Für einige Hochschwangere ist das gewählte Geburtsmodell plötzlich zusammengestürzt: Beleghebammen wurden an Diakonie-Kliniken alte Verträge gekündigt. Was das für eine werdende Mutter wie Lena Müller bedeutet.

Ende Mai wird Lena Müller (Name von der Redaktion geändert) zum ersten Mal Mutter. Geplant hatte sie eine Geburt mit einer sogenannten Beleghebamme in der Geburtsklinik des Diakonissen-Krankenhauses. Schon in der frühen Schwangerschaft hatte sie sich an die Hebammenpraxis Harleshausen gewandt, wo sie fortan auch alle Vorsorgeuntersuchungen wahrnahm. Eine Hebamme aus dem vertrauten Team sollte sie während der Geburt in dem Krankenhaus an der Herkulesstraße begleiten. „Das gab mir ein Gefühl von Sicherheit“, sagt die 32-jährige Kasselerin.

Von Sicherheit ist seit der letzten Woche nichts mehr zu spüren. Lena Müllers Geburtsplanung ist hinüber. So wie ihr und ihrem Mann geht es zahlreichen anderen werdenden Eltern, die eine Geburt mit einer Beleghebamme in den Diakonie-Kliniken geplant hatten und nun wütend und schockiert zugleich sind. Hintergrund: Die Geschäftsführung hat die laufenden Verträge mit den freiberuflichen Hebammen offenbar aus heiterem Himmel aufgekündigt. Angeboten wurden ihnen dem Vernehmen nach Verträge zu deutlich schlechteren Bedingungen.

Die Harleshäuser Hebammen lassen diese neuen Verträge derzeit rechtlich prüfen. Man hänge dieser Tage im „luftleeren Raum“, heißt es aus dem 14-köpfigen Team, das zuletzt sieben Geburtshelferinnen im Diakonissen-Krankenhaus stellte. Die Situation ist angespannt, es geht um ihre berufliche Zukunft. Die Hebammen hoffen, dass es zu einer Einigung kommt.

Gabriele Kopp

„Ich bin genauso geschockt wie meine Kolleginnen“, sagt Gabriele Kopp, die Vorsitzende des Landesverbands der Hessischen Hebammen. Und auch das Entsetzen der werdenden Eltern kann sie nachvollziehen. Eine Eins-zu-eins-Betreuung während der Geburt sei das Optimale, findet Kopp. Eine Beleggeburt ermögliche, einen besonderen Moment im Leben eines Paares mit einer bekannten Person zu teilen. „Ich hoffe auf eine schnelle Wende“, sagt die Hebammen-Vorsitzende mit Blick auf die laufenden Verhandlungen. Für die Kolleginnen in Harleshausen sei die Geburtshilfe das „Herzstück“ ihrer Praxis. Von rund 500 Geburten in diesem Jahr im Diakonissen-Krankenhaus waren etwa 70 Beleggeburten, weiß Kopp.

Nach Angaben des Diakonissen-Krankenhauses hatte es dort sowie in der Klinik Dr. Koch, die im Juni vergangenen Jahres integriert wurde, insgesamt 1921 Geburten gegeben, darunter 224 Beleggeburten.

Lena Müller wartet derweil angespannt, wie es weitergeht. Sie hofft, dass die Beleghebammen wieder ihre Dienste im Diakonissen-Krankenhaus anbieten werden und sie dort doch mit Wunschhebamme entbinden kann. Andere Hochschwangere, denen die Zeit indes davon läuft, planen nun eine Geburt im Klinikum Kassel. Ohne Beleghebamme.

Was ist eine Beleghebamme?

Beleghebammen arbeiten freiberuflich in Krankenhäusern und Geburtskliniken. Sie bieten ihre Leistung entweder in der Eins-zu-eins-Betreuung an, können also Kreißsäle nutzen, wenn eine von ihnen betreute Geburt ansteht. Oder sie arbeiten im Schichtdienst in einem sogenannten Belegteam, ähnlich wie angestellte Hebammen. Im Jahr 2015 gab es 1838 Beleghebammen in Deutschland, diese unterstützten insgesamt 140 075 Frauen bei der Geburt. Das heißt, dass rund 20 Prozent aller Geburten in Deutschland von Beleghebammen begleitet werden.

die Hebammen: Übergangszeit ist nicht geregelt

Die Hebammenpraxis Harleshausen sowie die Hebammen Carmen Semmler und Vera Pawlowsky wandten sich mit folgender Stellungnahme an die HNA: „Seit Mitte letzter Woche können wir Beleghebammen den Schwangeren und Gebärenden nicht die von ihnen gewählte Geburtsbetreuung zukommen lassen, da seit diesem Zeitpunkt die außerordentliche, fristlose Kündigung unserer bisherigen Belegverträge rechtsgültig ist. Eine nahtlose Umstellung der Verträge ist leider nicht möglich, da momentan noch Vertragsinhalte gemeinsam mit der Klinik und dem DHV (Deutschen Hebammenverband) erarbeitet werden müssen. Die entstandene Übergangszeit, in der wir Beleghebammen keinen gültigen Vertrag mit der Klinik haben, ist leider nicht geregelt. Wir sind sehr bemüht bis zur Einigung auf ein neues Vertragswerk eine Übergangsreglung finden zu können, um die Familien wieder bei Geburten, wie von ihnen gewünscht, begleiten zu können.“

Agaplesion: Verträge umgestellt

Zur Zukunft der Beleggeburten im Diakonissen-Krankenhaus äußerte sich die Geschäftsführung nur schriftlich. In der Mitteilung heißt es, die Verträge mit den selbstständig tätigen Beleghebammen sollen „gemäß den Compliance Vorgaben des Agaplesion-Konzerns auf einen neuen Vertrag umgestellt werden, der vollständig den bundesverbandlichen Vorgaben von Interessenvertretungen der Beleghebammen entspricht.“ Das teilt Geschäftsführerin Dr. Stefanie Eilingsfeld mit. Wirtschaftlich würden hierbei die gesetzlichen Vorgaben des Beleghebammensystems vollständig abgebildet. „Wir ermöglichen unseren Beleghebammen mit den neuen Verträgen eine rechtssichere und ihre Interessen wahrnehmende langfristige Zusammenarbeit. Die beleghebammliche Betreuung von Neugeborenen und Müttern wird damit für die Beleghebammen, die an unserem Hause als selbstständige Hebammen tätig werden, langfristig gesichert“. Zu einzelnen Passagen stehe man im Gespräch. Das Kreißsaalteam arbeite derzeit wie gewohnt weiter.

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glasmolch
(3)(0)

Wo keine Konkurrenz ist, da wuchern halt die Entscheidungen von Geschäftsleitungen aus. Die Klinik scheint sich ihrer Sache sehr sicher zu sein, dass sie auf Kosten der Hebammen und gebärenden Frauen profitiert. Man darf an dieser Stelle auch getrost darüber nachdenken, warum man noch einer Kirche angehört, die ihre Einrichtungen wie Herr Trumpf führt.

Kommentare

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