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Was tun mit den Waschbären? Experte über Probleme mit invasiven Arten

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Von: Florian Hagemann

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Süß oder eine Plage? Der Waschbär sorgt immer für Diskussionen.
Süß oder eine Plage? Der Waschbär sorgt immer für Diskussionen. © dpa

Der Waschbär gehört mittlerweile zu Kassel wie der Herkules. Problem: Er ist nicht nur süß. Jetzt ist das Tier auch Bestandteil einer Studie des Senckenberg-Instituts, die für Aufsehen gesorgt hat.

Kassel - Die Studie nämlich besagt: Die Kosten, die invasive, also gebietsfremde, Arten verursachen, sind immens – und mindestens zehnmal so hoch wie die Ausgaben, die für ihre Bekämpfung notwendig wären. Als invasiv werden dabei Tiere und Pflanzen bezeichnet, die mit ihrer Ausbreitung für sie neue Lebensräume oder Ökosysteme beeinträchtigen und daher der biologischen Vielfalt schaden können – wie der Waschbär hierzulande. Was also tun? Wie mit dem Waschbären umgehen? Ein Gespräch mit Philip Haubrock vom Senckenberg-Institut, der für die Studie mitverantwortlich ist – und auch über die Nilgans spricht.

Herr Haubrock, Kassel ist die Hauptstadt der Waschbären. Wenn man Ihre Studie zu den Schäden von invasiven Arten betrachtet, scheint das nicht die beste Nachricht zu sein, oder?

Nicht die beste Nachricht für die Menschen oder für die Waschbären?

Gute Frage. Betrachten wir erst einmal die Sicht des Menschen.

Die Datengrundlage ist recht schwierig, wenn wir jetzt nur den Waschbären betrachten. Wir können also nicht objektiv sagen, dass der Waschbär an sich soundsoviel Kosten im Jahr verursacht. Was wir haben neben einigen Studien zu ökologischen Schäden, sind relativ viele subjektive Meinungen darüber, ob der Waschbär nervt und welche Schäden er anrichtet. Wie aber die Schäden gewichtet sind, ist wiederum subjektiv.

Also kann Kassel mit dem Waschbär noch leben?

Das ist der Punkt. Ich bin der Meinung, dass eine Art, die hier nicht heimisch ist, einen gewissen Einfluss hat. Sie muss ja etwas fressen. Und deshalb sollte man schon gegen die Ausbreitung dieser Art vorgehen, auch wenn wir noch gar nicht wissen, welche Schäden sie genau verursachen könnte und das Vorgehen gegen die Verbreitung mit hohen Kosten verbunden sein könnte. Da gilt es dann abzuwägen, zumal der Waschbär ja oft auch als sehr süß wahrgenommen wird.

Aufgrund der Datenlage könnte man jetzt also nicht sicher sagen, dass man den Bestand des Waschbären reduzieren sollte?

In Bezug auf die reinen Kosten fände ich es schwierig, weil ich mir nicht im Klaren darüber bin, inwieweit das aktive Managen dieser Art kostentechnisch höher wäre als die Schäden, die er unter Umständen anrichtet. Blickt man allein auf die biologischen Aspekte, wäre ich klar dafür, die Bestände zu kontrollieren.

Mit welcher Begründung?

Schauen Sie auf die Uckermark: Dort sorgt der Waschbär dafür, dass die Bestände heimischer Schildkröten abnehmen. Zudem ist der Waschbär als Invasor in der Lage, Ökosysteme nachhaltig zu verändern. Was man auch immer bedenken muss: Der Waschbär taucht jetzt in Kassel womöglich nur lokal auf, aber er kann sich eben auch ausbreiten. Und wenn er sich in den nächsten 15 oder 20 Jahren ausbreitet, werden auch anderswo die Habitate verändert. Und das ist etwas, was wir gar nicht wollen, weil es ja auch um den Schutz der Biodiversität geht.

Wie würde man denn der Ausbreitung Herr?

Ich würde versuchen, die Population und die Bestände kleinzuhalten und die Ausbreitung zu unterbinden. Ob das Einfangen und zum Beispiel das Kastrieren eine Option sind, weiß ich nicht. Sprich: nicht töten, aber dafür sorgen, dass sich die Tiere nicht fortpflanzen.

Ist das noch möglich bei einem wild lebenden Tier? Wenn die Schätzungen stimmen, dann leben Tausende Waschbären allein in Kassel und Umgebung.

Das ist natürlich eine enorme Zahl, deshalb ist Bejagen natürlich auch eine Möglichkeit, um den Bestand zu reduzieren. Allerdings kommt hier die Gesellschaft ins Spiel, die dann sagt: Bitte keine süßen Waschbären erschießen. Und Waschbärfallen werden womöglich als barbarisch wahrgenommen. Es ist ein Seiltanz bei diesen Diskussionen. Deshalb dränge ich ja darauf, dass wir bessere Daten brauchen in Deutschland, weil viele Diskussionen ideologisch geführt werden. Das gilt zum Beispiel auch für die Rotwangenschildkröte im Bergpark Wilhelmshöhe. Die wird von vielen auch als sehr süß wahrgenommen, aber hat Einflüsse aufs Ökosystem. Die Frage ist also: Was wäre, wenn sie nicht dort wäre? Wäre dann eine heimische Art dort? Die Diskussion wird aber oft nicht geführt.

Lässt sich denn sagen, wie der Waschbär das Ökosystem genau verändert?

Jede Art, die neu in ein Ökosystem eingebracht wird, braucht gewisse Ressourcen – in erster Linie einmal Nahrung. Dazu gehören aber auch Plätze, wo das Tier schläft oder es sich territorial aufhält. Dann gibt es andere Arten, mit denen das Tier in Konkurrenz tritt – etwa mit dem heimischen Biber. Da ist dann die Frage: Ist das Ersetzen der heimischen Art durch die invasive Art ein Problem? Und da ist meine Antwort: ja, klar.

Der Waschbär ist das eine, die Nilgans das andere, die sich in Kassel auch immer mehr verbreitet. Trifft auf sie dasselbe zu wie auf den Waschbären?

Ja, bei der Nilgans ist das ganze Problem sogar noch ein bisschen einfacher zu erklären. Die Nilgans ist ein sehr territoriales Tier, daher teilweise auch sehr aggressiv gegenüber anderen Enten. Wir stellen fest, dass unsere heimische Ente immer mehr verschwindet, und das liegt eben vor allem auch an der Nilgans. Hinzu kommt ein anderes Problem: Die Nilgans ist eine Gans, die sehr viel kotet. Und das kann an Badestränden oder in Freibädern schon zu Unmut führen.

Das heißt: rigoroses Vorgehen gegen die Nilgans?

Was heißt rigoros? Die Nilgans nimmt überhand, also müssen wir die Bestände kontrollieren. Ob man versucht, sie komplett zu erlegen, ist eine schwierige Frage, weil die Nilgans ja auch sehr mobil ist. Das wird kaum gelingen. Aber auch hier gilt: Es braucht mehr Daten.

Wieso ist das so wichtig?

Weil es um massive Schäden geht. Man weiß, wenn Ökosysteme verändert worden sind, dass invasive Arten es dann einfacher haben, sich auszubreiten. In Deutschland sind wir wirtschaftlich so stark, dass wir diese Schäden derzeit noch nicht wirklich spüren. Wenn es in Spanien oder Italien durch eine invasive Art zu Ernteverlusten kommt, was durchaus passiert, dann ist das ein relativ großer finanzieller Verlust, der auch Deutschland in absehbarer Zeit drohen könnte. Durch den Klimawandel werden immer mehr invasive Arten die Chance erhalten, sich hier auszubreiten und Schäden zu verursachen. Und da gilt es, Daten zu sammeln, um die Entwicklung einschätzen und vernünftig dagegen vorgehen zu können.

Zur Person

Dr. Philip Haubrock (32) stammt aus dem Münsterland und kam zum Studium nach Kassel. Hier absolvierte er den Diplomstudiengang Geologie – und traf ganz nebenbei auch auf den einen oder anderen Waschbären. Anschließend studierte er Ökologie und Ethnologie in Florenz. Mittlerweile arbeitet Haubrock für das Senckenberg-Institut – am Standort Gelnhausen. Er ist spezialisiert auf aquatische Invasionsbiologie.

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