Prozess gegen Vincent Ho vor dem Landgericht

Was war los in Gökers Kopf? Früherer MEG-Finanzchef sagte vor Gericht aus

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Auch wenn er beim Prozess in Kassel nicht anwesend ist, war er Thema: Mehmet Göker.

Kassel. „Zu 80 Prozent sind die schlechten Mitarbeiter schuld an der Insolvenz der MEG", sagte Zeuge Michael Kopeinigg im Prozess gegen den ehemaligen Vize des Kasseler Versicherungsvermittlers MEG. 

Im Mittelpunkt des dritten Verhandlungstages standen diesmal Ex-MEG-Vorstand Michael Kopeinigg und der Anwalt des einstigen MEG-Chefs Mehmet Göker. 

Der Versicherungsvermittler MEG war nicht nur nach ihm benannt, er war auch der unumstrittene Herrscher über das Unternehmen: Mehmet Göker. Er umgab sich mit Führungskräften, die er nach Sympathie aussuchte und nicht nach ihrem Fachwissen. Und: Mehmet Göker wusste offensichtlich selbst nicht, wie man eine Aktiengesellschaft führt. Diese Innenansichten einer Firma zwischen Protz und Pleite präsentierte gestern vor dem Landgericht Kassel Ex-MEG-Finanzchef Michael Kopeinigg.

Auch wenn er beim Prozess in Kassel nicht anwesend ist, war er Thema: Mehmet Göker. Foto: dpa

Kopeinigg sagte als Zeuge in dem Prozess gegen Vincent Ho aus, Gökers ehemaligen Vize und Generalbevollmächtigten, der unter anderem deswegen angeklagt ist, weil er Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse verraten haben soll. Ach ja: Was so ein Generalbevollmächtigter bei der MEG eigentlich machte, wusste Kopeinigg auch nicht.

Dafür konnte er umso mehr über das Innenleben der MEG und den früheren Alleinherrscher Mehmet Göker berichten: „Das Wissen und die Möglichkeiten zur Führung einer AG oder GmbH tendierten bei Göker gegen null“, befand der gelernte Betriebswirt Kopeinigg.

Als er 2007 in die Firma eintrat, hatte er vor allem damit zu tun, Altlasten zu beseitigen. Konkret: Die Bilanzen der letzten Jahre mussten neu geschrieben werden, weil sie so viele Fehler hatten. Beispiele: Bei der MEG gab es keine Fahrtenbücher und niemand wusste etwa, wie man Bewirtungsspesen steuerlich absetzt.

Schien auch nichts zu machen, denn anfänglich rollte der Rubel. Die Versicherungen zahlten Millionen-Vorschüsse in der Erwartung neuer Verträge, die die MEG vermitteln würde. Nur: Mehmet Göker stieg das offenbar zu Kopf. Was in dem vorging, so Kopeinigg, „ist für keinen Menschen auf dieser Welt nachvollziehbar“. Tatsache ist, dass Göker die Anzahl der Mitarbeiter, die private Krankenversicherungen vermitteln sollten, von etwa 300 im Jahre 2007 auf rund 700 im Jahre 2008 steigerte. Aufgepeppt wurde dabei nur die Masse, aber nicht die Klasse.

Kopeinigg: „Nur 20 Prozent der Mitarbeiter sorgten für Umsatz.“ Die anderen sorgten dagegen für den Abstieg der MEG. Abgeschlossene Verträge wurden zunehmend storniert, und es wurden sogar Kontrakte gefälscht, um mehr Umsatz zu machen. Kopeinigg. „Zu 80 Prozent sind die schlechten Mitarbeiter schuld an der Insolvenz der MEG.“ Teure Autos in einem riesigen Fuhrpark und kostspielige Reisen des Vorstands hätten dabei nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Als die MEG dann in der Krise war, habe er versucht zu retten, was zu retten war, berichtete der Ex-Finanzvorstand. Er verhandelte mit anderen Unternehmen über eine Übernahme der MEG. Die Versicherung Axa habe anfangs 100 Millionen Euro geboten, die Pläne zerschlugen sich aber – wohl auch, wie Kopeinigg sagt, „weil die Axa merkte, dass Göker nicht zu kontrollieren war.“ Dann tauchte die Versicherung Aragon auf, an der die Axa mit 25 Prozent beteiligt ist. Die zahlte schließlich einen Euro für die MEG – und nahm einige gute Mitarbeiter mit.

Das Verhältnis zu seinem Vorgesetzten Mehmet Göker bezeichnete Kopeinigg als „sehr schlecht“. Der akzeptierte zwar, was sein Finanzchef ihm sagte, denn an betriebswirtschaftlichen Grundsätzen konnte auch ein Mehmet Göker nicht vorbei. Wenn es um die strategische Richtung des Unternehmens oder Personalpolitik ging, machte Göker, was er wollte. An Strukturen im Unternehmen hielt er sich nicht. Kopeinigg: „Göker betrieb die Firma als Alleinunternehmer.“

Zeit der Zeugen: Gestern sagten zwei weitere im Prozess gegen Vincent Ho aus. Foto: Fischer

Jenseits derlei launiger Schilderungen aus dem Innenleben der MEG hat der       Prozess durchaus seine Längen. Das hat mitunter damit zu tun, dass Vincent Hos Verteidigerin Dr. Claudia Keiser stets sehr lange Erklärungen abgibt – und dann auch noch über Details gesprochen wird. So ging es im Nachgang zu einer gestern abgegebenen Erklärung darum, ob denn nun die Rechtschreibung des Wortes Mitangeklagter, das fälschlicherweise getrennt geschrieben wurde, korrigiert werden solle oder nicht. Das Ganze ist mitunter zäh – das wurde auch deutlich bei der Vernehmung des ersten Zeugen des Tages. Mit Professor Michael Nagel war der Anwalt Mehmet Gökers aus Hannover angereist. Er sollte helfen bei der Frage, ob Ho in einem früheren Prozess gegen Göker unter Eid falsch ausgesagt und sich somit des Meineides schuldig gemacht hat.

Das Problem: Dieser Prozess liegt sechs Jahre zurück, und Nagel gab an, dass seine Erinnerung daran nicht mehr die beste sei. Nur so viel: „Ich wäre dazwischengegangen, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, Ho hätte die Unwahrheit erzählt.“ Nach zehn Minuten ging Nagel wieder.

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