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Unheilbar an Krebs erkrankt: Kasselerin geht positiv mit Situation um

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Von: Robin Lipke

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Oberärztin Dr. Bettina Wolf (von links) von der Palliativmedizin und Dr. Mathias Kleiß, Chefarzt der Onkologie, behandeln die unheilbar an Krebs erkrankte Christine Baumbach in den Helios-Kliniken.
Oberärztin Dr. Bettina Wolf (von links) von der Palliativmedizin und Dr. Mathias Kleiß, Chefarzt der Onkologie, behandeln die unheilbar an Krebs erkrankte Christine Baumbach in den Helios-Kliniken. © Pia Malmus

Mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland leben mit Krebs. Auch Christine Baumbach aus Kassel. Die 83-Jährige geht unglaublich positiv mit ihrer Situation um.

Schick hat sie sich gemacht. Lila Pullover, etwas Make-up, die Perücke darf nicht fehlen – Christine Baumbach lächelt, das ist selbst mit FFP2-Maske zu erkennen. Ihre Augen leuchten, sind hellwach, als sie mit Rollator die Onkologie der Helios-Klinken Kassel betritt. Enkelin Hanna begleitet sie, wie fast immer, wenn die 83-Jährige zur Behandlung muss. Das ist in der jüngeren Vergangenheit zur Gewohnheit geworden. Baumbach leidet an Krebs. Unheilbar.

Vor etwas mehr als drei Jahren erhält die Kasselerin die Diagnose. Bei einem Routine-Check entdeckt ihr Hausarzt Metastasen in der Leber. Es folgen Untersuchungen bei Spezialisten, die ein Karzinom in der Bauchspeicheldrüse finden, wo der Tumor seinen Ursprung hat. Außerdem befällt der Krebs die Knochen. Nach dem Befund „war ich am Boden zerstört. Mir ging es furchtbar“, erinnert sich die Rentnerin. Doch der Schock verfliegt. Trübsal zu blasen, ist nicht ihr Ding.

Halt findet sie bei ihrer Familie. Bei ihrem Ehemann, mit dem sie in einem Reihenhaus in Helleböhn lebt. Ihre vier Kinder sprechen ihr Mut zu, elf Enkel geben ihr Kraft, nicht zu vergessen die zwei Urenkel. Erst einmal hätten sie ihren 80. Geburtstag ordentlich gefeiert, berichtet Baumbach. Sie will weiterleben. „Wenn man den Willen hat, schafft man das auch.“ Und das sei ihr bis jetzt ja ganz gut gelungen, oder nicht? Wieder blitzt das Leuchten in den Augen auf.

Die Frage richtet sie an Dr. Mathias Kleiß, Chefarzt der Onkologie, und Oberärztin Dr. Bettina Wolf von der Palliativmedizin. Die Ärzte nicken. Sie attestieren der Patientin eine große Widerstandsfähigkeit. Derzeit sei sie stabil, berichtet der Onkologe. Alle vier Wochen würden sie sich sehen. Die Patientin selbst spricht von Dankbarkeit, vor allem für das Team der Palliativmedizin, das sich seit vergangenem November im Zusammenspiel mit den Onkologen um sie kümmert. Baumbach sagt: „Ich hatte nie das Gefühl, das würde die Vorstufe zum Tod bedeuten.“ Im Gegenteil: Mithilfe von Gesprächen, durch Therapien und Medikamente bestärke sie das Team, weiterzumachen.

Dabei denkt Baumbach an die jüngste Strahlenbehandlung vor einigen Wochen. 15 Anwendungen, weil sich ein Tumor an der Wirbelsäule gebildet und aufs Rückenmark gedrückt hat. Sie fühlt sich elend und kann kaum laufen. Nach der Bestrahlung verschlechtert sich zunächst der Zustand. „Ich hatte unsägliche Schmerzen. Ich dachte, ich gehe die Wände hoch.“ Verzweifelt ruft sie morgens um sieben beim Palliativ-Team an, das Notfalltelefon ist rund um die Uhr besetzt. Hilfe naht sofort.

Während Baumbach von den Leiden berichtet, hält sie die Hand ihrer Enkelin. Hanna Zahab beschreibt ihre Großmutter als sehr aktive und lebensfrohe Frau. Nach der Diagnose vor drei Jahren fällt die Familie in ein Loch. „Ich dachte: Hoffentlich habe ich die Oma noch lange“, erzählt die 22-Jährige. Und alle wollen mit anpacken. Baumbachs Angehörige, die in der Nähe wohnen, sprechen sich ab. Einkaufen, Arztbesuche, Rasenmähen. Die Unterstützung sei großartig, sagt die Großmutter und lächelt.

Der familiäre Rückhalt hilft, verschiedene Anwendungen zu überstehen, erst in Göttingen, dann in der Klinik in Wehlheiden. Wenigstens bleibt Baumbach die Chemo erspart. Sie spricht von einschneidenden Erlebnissen. Sie habe nie gedacht, mal Krebs zu bekommen: „Man denkt immer: So etwas passiert mir nicht.“

Trotz allem umgibt sie eine unglaublich positive Aura. Jeder Tag sei lebenswert, sagt sie, und nennt es Glück, dass sich der Krebs vergleichsweise langsam ausbreitet. Baumbach blickt nicht zurück. Was zählt, sei das Hier und Jetzt. Sie genieße ihr Zuhause, konzentriere sich auf das Wesentliche, wie sie es ausdrückt. Gleichwohl befasst sie sich mit dem Sterben, aber nicht trübsinnig. Sie macht sich eher Gedanken, „wie schwer es wohl für meine Lieben sein wird, wenn ich sie zurücklasse“. Ihren Lebensmut und ihre Hoffnung findet sie auch in der Religion. Gebete helfen ihr.

Baumbach wünscht sich, dass die Familie bei ihr ist, wenn es zu Ende geht. „Ist das zu eigennützig?“, fragt sie. Kinder hätten doch anderes zu tun. Aber so weit ist es noch nicht. Die 83-Jährige hat Pläne. Sie will endlich mal wieder hoch zum Herkules, ins Theater, ins Kino, im Frühjahr will sie mit ihrem Rollator in die Aue, auf die Insel Siebenbergen, „wenn alles so schön blüht“. Eigentlich habe sie drei gute Jahre mit dem Krebs gehabt, sagt Christine Baumbach: „Hoffentlich werden es noch ein paar mehr.“ (Robin Lipke)

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