1. Startseite
  2. Kassel

Kassel: Streit um Pfandbon eskaliert – 59-Jähriger vor Gericht

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stier

Kommentare

Streit um 4,80 Euro: In einem Kasseler Supermarkt kam es wegen eines Pfandbons zu einer körperlichen Auseinandersetzung.
Streit um 4,80 Euro: In einem Kasseler Supermarkt kam es wegen eines Pfandbons zu einer körperlichen Auseinandersetzung. © Jens Büttner/dpa

Als ein 59-Jähriger in einem Getränkemarkt einem anderen Kunden den Pfandbon klaut, eskaliert die Situation. Nun sitzt der Mann in U-Haft.

Kassel – Es klang nach einem Bagatelldelikt, für das man normalerweise nicht vor Gericht kommt: In einem Rewe-Getränkemarkt an der Friedrich-Ebert-Straße hatte ein 59-jähriger Mann aus Kassel einen Leergut-Pfandbon über 4,80 Euro an sich genommen, den ein anderer Kunde aufs Band gelegt hatte.

Im Juristendeutsch heißt das räuberischer Diebstahl. Und weil der wohnsitzlose Mann die rechtmäßigen Eigentümer beim Kampf um den Bon auch noch ins Gesicht schlug, kam Körperverletzung hinzu. Doch bevor der Angeklagte aus der Untersuchungshaft in den Gerichtssaal geführt wurde, machte Amtsrichterin Hahn klar, dass hier eigentlich kein normaler Strafprozess angesagt ist: „Der Mann muss in geordnete Verhältnisse, in eine Klinik, aber nicht in den Knast“, sagte die erfahrene und lebenskluge Richterin.

Kassel: „Gott hat mir den Pfandbon und das Handy überlassen, da habe ich mich gefreut“

Damit stieß sie sogar bei Staatsanwalt Moritz Teschner auf viel Verständnis, obwohl der noch etliche weitere Anklagepunkte vortrug: Dazu zählten zwei Ladendiebstähle in Kasseler Supermärkten im Wert weniger Euro. Zweimal quartierte er sich in den Geldautomatenräumen von Sparkasse und Volksbank ein, weigerte sich zu gehen und rangelte mit den alarmierten Polizisten.

Als eine Kundin dort ihr Handy vergaß, nahm er es an sich. Vor Gericht sagte der gebürtige Bad Hersfelder: „Gott hat mir den Pfandbon und das Handy überlassen, da habe ich mich gefreut.“ Als in einem Waschsalon in der Nordstadt von einer Frau gebeten wurde, die Zigarette auszumachen, zündete er einen Abfalleimer an. „Guck mal, was ich jetzt mache“, habe er sich dabei gedacht.

Mann lebt in Kassel auf der Straße: Sein Leben finanziert er mit Pfandflaschen

In den Aussagen des grauhaarigen, hochgewachsenen Mannes wurde der Absturz aus einer bürgerlichen Existenz mit Ehefrau und Kindern in die Bodenlosigkeit des Straßenlebens deutlich: Nach Abitur, kaufmännischer Ausbildung und Arbeitsaufenthalt in Kanada kam die Scheidung.

Vor zwei Jahren verliert er auch noch seine Wohnung und seinen Personalausweis, den er nicht neu beantragte. Ohne Perso keine Stütze, kein Bankkonto, keine Gesundheitskarte. Sein Leben auf der Straße finanziert er mit Pfandflaschen. Zum langjährigen Cannabis-Konsum gesellt sich Alkoholmissbrauch. Das alles lässt seine bipolare Störung, seine Psychosen, seine manischen Depressionen, seit Jahren mit Medikamenten in Schach gehalten, aufbrechen. Drogen und Alkohol verstärken sich gegenseitig. „Lehrbuchartig“ beschreibt das die Psychiaterin Michaela Unseld.

Seit zwei Wochen in U-Haft in Kassel: „Sie gehören nicht in den Knast“

Seit September sitzt er in Untersuchungshaft im Wehlheider Knast. Das mache ihn fertig, er wolle raus, am liebsten seine Tochter als Betreuerin haben, sein Leben wieder selbst auf die Reihe bringen. Er ist sprachgewandt, redselig, auch einsichtig in seine Taten, für die er um Entschuldigung bittet.

Einsichtig in seine psychischen Krankheiten ist er nicht. „Sie gehören nicht in den Knast, Sie gehören in eine Klinik“, sagte Richterin Hahn, die gar nicht erst in die Beweisaufnahme eintritt und die elf geladenen Zeugen wieder heimschickt. Doch über eine Einweisung kann nicht das Amtsgericht, sondern nur eine Landgerichtskammer entscheiden. Dort wird das Verfahren gegen den 59-Jährigen nun wohl neu aufgerollt. (Thomas Stier)

Kürzlich eskalierte auch ein Streit in einem Mehrfamilienhaus in Kassel, bei dem ein 21-Jähriger verletzt wurde. Weitere Nachrichten aus der Region erhalten Sie mit unserem Kassel-Newsletter.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion