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Wegen Plagiatsvorwürfen: Aus für langjährige Kasseler Orchesterdirektorin in Konstanz

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Von: Bettina Fraschke

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Große Bühne: Insa Pijanka moderierte die Sommernachts-Open-Air-Konzerte in der Karlsaue.
Große Bühne: Insa Pijanka moderierte die Sommernachts-Open-Air-Konzerte in der Karlsaue. © Andreas Fischer

Die langjährige Kasseler Orchesterdirektorin Insa Pijanka hat ihren Job als Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz verloren.

Kassel/Konstanz – Die Bodenseestadt als Trägerin des Orchesters hat erklärt, einen Aufhebungsvertrag aufsetzen zu wollen. „Grund für die einvernehmliche Trennung sind gravierende Differenzen in den Vorstellungen von Verwaltungsspitze und Intendanz über die strategische Entwicklung des Eigenbetriebs Orchesterkultur und Musikbildung Konstanz“, hieß es in der Erklärung. Vorausgegangen war eine vom „Südkurier“ aufgedeckte Affäre um Plagiate und Betrugsverdacht. Insa Pijanka will sich in der Presse derzeit dazu nicht äußern.

Ein breites Publikum kannte die einstige Orchesterdirektorin des Staatstheaters, die von 2002 bis 2018 in Kassel wirkte, als Moderatorin des HNA-Klassik-Open-Air-Konzerts in der Karlsaue.

Am 1. Januar 2019 hatte die 1974 geborene Mannheimerin die Orchester-Intendanz in Konstanz angetreten und dort unter anderem auf Crossover-Projekte mit Musik der Band Queen und Popsongs der 80er-Jahre gesetzt, aber auch Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Alban Berg ins Programm gebracht. Laut „Südkurier“ ist die Zahl der Philharmonie-Abonnenten zuletzt von 3200 auf 2516 zurückgegangen, dazu kommt ein Finanzdefizit des Orchesters mit 60 Festangestellten von etwa 300 000 Euro. Erst im Sommer hatte der Gemeinderat ihren Vertrag verlängert – um zwei Jahre, nicht wie üblich, so der „Südwestrundfunk“, um fünf. Der Klangkörper wird vornehmlich von Stadt (3,5 Millionen Euro jährlich) und Land Baden-Württemberg (2,5 Mio.) finanziert.

„Spätestens mit der jüngsten Krise begannen selbst die loyalsten Unterstützer, an Pijankas Eignung für diese Aufgabe zu zweifeln“, schrieb „Südkurier“-Autor Johannes Bruggaier: Pijanka soll in Publikationen wiederholt gegen das Urheberrecht verstoßen haben. „Eine Analyse ihrer unter eigenem Namen veröffentlichten Beiträge zeigt Übereinstimmungen mit Fremdtexten in außergewöhnlicher Häufigkeit und Länge. Die Quellen stammen von Internetseiten diverser Medien, angegeben werden die Urheber nicht.“ Zwölf Sätze habe sie etwa aus einem Programmtext der Elbphilharmonie über eine Schostakowitsch-Sinfonie übernommen. 2020 zitierte Pijanka Hölderlins Satz „Komm! Ins Offene, Freund“ in einem Text über Kultur in Pandemiezeiten, der davon handelte, wie die Isolierung uns Menschen fragiler und verwundbarer mache. Der „Südkurier“ wies nach, dass Textpassagen, die aus dem Hölderlin-Zitat entwickelt werden, aus einem persönlich formulierten Grußwort des damaligen Kasseler Staatstheater-Intendanten Thomas Bockelmann stammen. Pijanka hat daraufhin zugegeben, „dass ich Texte aus anderen Programmbeschreibungen übernommen habe. Dies waren Fehler“. Und: „Gerade als Verantwortliche in einem Kulturbetrieb hätte ich dies nicht tun dürfen.“

Der „Südkurier“ hatte Urheberrechtsexperten um eine Einschätzung gebeten, Gerhard Dannemann, Professor an der Humboldt-Universität, sah in den vorgelegten Beispielen die Grenze zur Urheberrechtsverletzung „deutlich überschritten“. Bruggaier hatte Anfang Januar außerdem aufgedeckt, dass es Unregelmäßigkeiten in internen Abrechnungen gegeben habe.

Länger zurück liegt ein Vorfall, bei dem der frühere Kasseler Theaterintendant Christoph Nix betroffen ist, der sie seinerzeit in Kassel eingestellt hatte und der zuletzt in Konstanz Intendant war. Es war 2020 zum Krach gekommen, als eine interne Mail Pijankas mit einer Kritik an Nix bei ihm gelandet war. Daraufhin hatte er ihr vorgeworfen, ihre Biografie auf der Orchester-Homepage nicht korrekt angegeben zu haben. Die Unruhe um das Orchester währt also schon länger. Am Wochenende steht jetzt erst mal das nächste Konzert an: Schostakowitsch, Gershwin, Copland. (Bettina Fraschke)

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