Wegen Raumnot: Uni-Profs lehren in der Auferstehungskirche

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Ungewöhnlicher Lernort: Franziska Thöne, Studentin im Fach Landschaftsplanung an der Uni Kassel hat am Mittwoch zum ersten Mal eine Vorlesung in der Auferstehungskirche erlebt.

Kassel. 150 Köpfe beugen sich in der evangelischen Auferstehungskirche über ihre Schreibblöcke und lauschen andächtig. Der Altar des Gotteshauses am Hauptfriedhof ist von einer großen Leinwand verdeckt, der Teppich davor aufgerollt, Kabelgewirr und Beamer sind zu sehen.

Von der Kanzel sprechen an diesem Mittwochvormittag abwechselnd Jürgen Aring, Helmut Holzapfel und Andreas Mengel vor einem grünen Parament mit den Worten „Lasset Euch versöhnen mit Gott.“ Die drei sind keine Pfarrer, sondern Professoren im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung (asl) der Uni Kassel - und als Wissenschaftler inhaltlich meist weit entfernt von Religion.

In der Auferstehungskirche geht es Tag für Tag wie in einem Taubenschlag zu, seitdem die Hochschule sie wegen großer Raumnot für Vorlesungen gemietet hat.

Mit gemischten Gefühlen sitzt Franziska Thöne (24), die im neunten Semester Landschaftsplanung studiert, anfangs im Gotteshaus. Zugegeben, ein bisschen unbequem sind die harten Kirchenbänke schon, auf denen die Studenten zum Ende der Vorlesung hin und her rutschen. Auch für Block und Schreibutensilien findet sich kein Platz - jedenfalls dort, wo sonst die Gebetsbücher liegen. Prof. Aring äußert zu Beginn eine „herzliche Bitte“ an seine Studentengemeinde: In der Kirche nicht essen, nicht trinken und auch keinen Müll hinterlassen. Und weil es enorm hallt, bittet er noch um äußerste Ruhe.

Daran halten sich die meisten Studenten auch deswegen, weil nach der Einführung die Vorlesung des Verkehrsexperten Prof. Hartmut Holzapfel spannend ist. Er beschäftigt sich mit der Entstehung von Städten und ihren Funktionen und hält wegen der schwierigen Akustik dabei das Mikro ganz nah am Mund. Einmal unterbricht er seinen mit Humor gewürzten Vortrag, weil er Tafel und Kreide vermisst, die es aber nicht gibt.

Spätestens aber, als auf der Leinwand ein Foto vom italienischen Siena erscheint mit seiner wundervollen Piazza, hat man den ungewöhnlichen Lernort völlig vergessen. Auch die Studentin Franziska Thöne empfindet das so: „Der Kirchenraum tritt in den Hintergrund, und die Inhalte fesseln“, sagt sie zum Ende der Vorlesung. Und was meinen die Professoren? Holzapfel und Aring sprechen von einer Übergangslösung, die hoffentlich bald zu Ende ist. „Wir freuen uns auf neue Räume und Hörsäle, wenn die Uni auf dem neuen Campus erweitert wird“, sagt Prof. Aring.

Von Beate Eder

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