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Es kann nur einen geben in Kasseler SPD: Das sind die beiden Kontrahenten

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Von: Matthias Lohr

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SPD-Vorsitzender Ron-Hendrik Hechelmann (links) und Oberbürgermeister Christian Geselle nach der Wahl Hechelmanns auf dem Parteitag 2019 im Philipp-Scheidemann-Haus Kassel.
Lange Zeit waren sie ein eingespieltes Team: SPD-Vorsitzender Ron-Hendrik Hechelmann (links) und Oberbürgermeister Christian Geselle nach der Wahl Hechelmanns auf dem Parteitag 2019 im Philipp-Scheidemann-Haus. Nun will Geselle nicht mehr als SPD-Kandidat zur Wiederwahl antreten, sollte Hechelmann im Amt bleiben. © Dieter Schachtschneider

Der Machtkampf zwischen Oberbürgermeister Geselle und Parteichef Hechelmann spaltet die Kasseler SPD. Die beiden stehen für unterschiedliche Politikstile.

Kassel – Bei Machtkämpfen zwischen zwei Politikern zitieren Journalisten gern einen Actionfilm aus dem Jahr 1986 und titeln: „Es kann nur einen geben.“ So viel Action wie diese Woche in der Kasseler SPD gibt es sonst selten in der Kommunalpolitik – vielleicht nicht einmal im „Highlander“-Spektakel mit Christopher Lambert, dem der Titel entlehnt ist. Fakt ist: Oberbürgermeister Christian Geselle (46) hat am Dienstag angekündigt, im März 2023 nicht für die SPD zur Wiederwahl anzutreten, sollte Parteichef Ron-Hendrik Hechelmann (31) im Amt bleiben. Das Schreiben, in dem er die Nachricht verkündete, sagt einiges aus über den Autoren. Auch der Umgang Hechelmanns mit den Vorwürfen ist durchaus typisch für ihn. Eine Analyse der beiden Protagonisten.

In seinem am Montag verfassten Schreiben erklärt Geselle auf viereinhalb Seiten, warum er nicht einverstanden ist, dass Partei und Fraktion mehrmals mehrheitlich entschieden haben, keine Gespräche mit der CDU über eine Koalition zu führen und stattdessen weiter auf wechselnde Mehrheiten im Stadtparlament zu setzen. Sein Ton klingt verbittert und rau, die Vorwürfe sind hart.

Machtkampf in Kasseler SPD: konservativer Flügel reagiert, linker Flügel schweigt

So kritisiert er, Hechelmann und die Co-Fraktionschefin Ramona Kopec seien ihm „hinterrücks während meiner Urlaubsabwesenheit in den Rücken gefallen“. Dem Parteichef wirft er Heuchelei vor. Dass Genossen eine Videobotschaft Geselles unter Palmen aus dem Urlaub in Griechenland im Unterbezirksausschuss als „bizarr“ beschrieben, sei „eine absolute Frechheit“ – und zwar auch angesichts dessen, „was auch die Familie eines Oberbürgermeisters aushalten muss“.

Selbst für Geselle, der in internen Sitzungen so laut werden kann, dass mancher Genosse hinterher über Parteiaustritt nachdenkt, ist das alles ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist auch die Reaktion von Hechelmann. Als er im HNA-Interview auf die Vorwürfe angesprochen wurde, sagte er auch auf Nachfragen nur: „Kein Kommentar.“ Beides ist symptomatisch für den Flügelstreit in der SPD: Während Konservative wie der bisherige Co-Fraktionschef Wolfgang Decker ebenfalls mit klaren Worten Hechelmann und Kopec kritisierten, schweigt der linke Flügel konsequent. Nur Hechelmann und Kopec äußerten sich bislang. Vom Parteivorstand, in dem die Linken das Sagen haben, gab es seit Beginn des Streits keine einzige Pressemitteilung.

SPD in Kassel: „Geselle ist ein Macher und guter Kämmerer, aber kein Teamplayer“

Es ist nicht das erste Mal, dass Geselle in einem Brief, der an die Öffentlichkeit gelangt, persönlich wird. Im Mai kanzelte der Oberbürgermeister seinen Verkehrsdezernenten Christof Nolda (Grünen) wegen eines 230 Meter langen Verkehrsversuchs ab. Selbst einige Sozialdemokraten wunderten sich damals. Im Juni schauten sich Besucher bei der Verabschiedung des GWG-Chefs Peter Ley in der Stadthalle erstaunt an, als Geselle auf dem Podium das Manuskript seines Büros zerriss und lieber frei sprach. Es sollte nur ein Gag sein, aber kaum jemandem war zum Lachen zumute.

Öffentlich will kein Sozialdemokrat Kassels mächtigsten Genossen kritisieren. Hinter vorgehaltener Hand hört man jedoch Sätze wie diese über den ehemaligen Polizisten und Verwaltungsjuristen: „Geselle ist ein Macher und guter Kämmerer, aber kein Teamplayer. Er entscheidet alles selbst und hat kein Vertrauen in Mitarbeiter.“

Über Hechelmann gibt es solche Anekdoten nicht. Er ist 15 Jahre jünger als der Oberbürgermeister und steht für eine neue Politik-Generation. Der HNA sagte der gebürtige Niedersachse, der wegen des Studiums der regenerativen Energien und Energieeffizienz nach Kassel kam, sein Stil sei moderierend. Nicht nur im Beruf würden die Menschen flachere Hierarchien schätzen, sondern auch im Ehrenamt.

Oberbürgermeister Geselle hat Rückhalt in der eher konservativen Kasseler SPD

In der Öffentlichkeit tritt er natürlich seltener auf als der Rathaus-Chef, der oft omnipräsent ist und den Kontakt zur Basis schätzt. Geselle ist kein Parteimensch. Im Brief schreibt er: „Was gut ist für die Stadt, wird am Ende auch gut für die Partei sein – niemals umgekehrt.“

Geht es nach Geselle, gibt es einen Mitgliederentscheid über ihn, Hechelmann und die Zukunft der Kasseler SPD. Dass es dazu kommt, ist unwahrscheinlich. Dabei wäre es nicht ausgeschlossen, dass Geselle einen solchen Entscheid gewinnt. In der eher konservativen Kasseler SPD hat er einen breiten Rückhalt. Seine bisherige Bilanz kann sich trotz einiger Pannen wie die Endlos-Debatte über das documenta-Institut durchaus sehen lassen. Und neben ihm fallen einem kaum Genossen ein, die gegen Eva Kühne-Hörmann (CDU) und einen Kandidaten der starken Grünen bestehen könnten.

Kassel: Machtkampf in der SPD wird sich hinziehen

Selbst manchen Kritiker von einst hat er mit seinem Brief überzeugt. Einer schreibt auf Geselles Facebook-Seite: „So ehrlich, geradlinig und offen reden heute in der Politik nicht mehr viele. Respekt.“ Hechelmann hat auf seiner Seite das HNA-Interview gepostet. Dort lobt einer: „Sehr souverän, sachlich und trotzdem Haltung und Respekt bewahrend. Guter Stil.“

Derzeit halten sich beide Seiten bedeckt. Aus SPD-Kreisen ist jedoch zu hören, dass der Vorstand eine größere Antwort vorbereitet. Wann die veröffentlicht wird, ist unklar. Es kann noch dauern, bis es nur noch einen der beiden Kontrahenten gibt. (Matthias Lohr)

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