Nach der Inhaftierung eines 81-Jährigen: Wie altersgerecht ist der Knast?

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Die beste Zelle in Kassel: Für Menschen mit Behinderung gibt es einen Haftraum mit großem Bad.

Vergangene Woche saß in der Kasseler Justizvollzugsanstalt ein 81-Jähriger ein, der wegen Diebstahls mit Haftbefehl gesucht wurde. Aber wie ist es überhaupt für Senioren hinter Gittern?

Der Mann hatte eine Geldstrafe nicht bezahl. Er ist dank der Spende eines HNA-Lesers wieder frei.

Dr. Sophie Hinrichs

Hochbetagte Häftlinge sind in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Kassel-Wehlheiden zwar nicht besonders stark vertreten, aber es gibt sie: Nur 40 von insgesamt 437 Häftlingen sind über 55 Jahre alt. Sie werden von der JVA als ältere Gefangene geführt. Einige haben erst im hohen Alter Straftaten begangen, andere sind in Haft gealtert. Einige von ihnen sind pflegebedürftig, andere behaupten sich wie alle anderen im Haft-Alltag.

Der aktuell älteste Häftling in Kassel wird im September 80 Jahre alt. Er sitzt wegen mehrerer kleinerer Delikte wie Beleidigung, Körperverletzung und Fahren ohne Führerschein. Der Senior ist wegen seiner Erkrankungen - wie viele ältere Gefangene - im Zentralkrankenhaus der Anstalt untergebracht, das für ganz Hessen zuständig ist. Dort sind die Bedingungen etwas komfortabler als im Hafthaus, beschreibt JVA-Leiter Jörg-Uwe Meister.

Mit 65 in Rente 

Jörg-Uwe Meister

Wenn keine Krankheiten vorliegen, sind die Bedingungen für ältere Häftlinge aber fast die gleichen wie die der Jüngeren. Manchmal gibt es für ältere eine Zelle am Ende eines Trakts, wo es ruhiger ist. Und ab 65 Jahren beginnt, wie draußen, das Rentenalter. Häftlinge sind dann nicht mehr zur Arbeit verpflichtet. Zudem bietet die katholische Seelsorge für sie ein Seniorencafé an. Zudem gibt es spezielle Sportangebote.

„Ältere Gefangene haben aber oft kein Interesse daran, separiert zu werden. Ihr Rat wird bei den Jüngeren geschätzt“, sagt Anstaltspsychologin Dr. Sophie Hinrichs. Zudem sorgten sie für den Stationsfrieden. So habe es in der Haftanstalt für Frauen in Kaufungen eine über 70-jährige Gefangene gegeben, die liebevoll „die Oma“ genannt wurde. Sie saß dort ein, weil sie im Versandhandel mehrfach Waren bestellt hatte und diese nie bezahlte.

Für Rollstuhl- und Rollator-fahrer gibt es im Wehlheider Hafthaus eine spezielle Zelle mit großzügigem, behindertengerechtem Bad. Selbst bei voller Belegung der JVA steht diese Zelle oft leer. Denn wegen ihrer besseren Ausstattung würde es für Unfrieden sorgen, wenn sie von einem Nicht-Behinderten bezogen würde.

Dr. Gunter Fleck

Pflegebedürftigkeit sei kein Ausschlusskriterium für eine Inhaftierung, sagt Dr. Gunter Fleck, der unter anderem das Zentralkrankenhaus leitet. Die Haftfähigkeit werde im Einzelfall geprüft. Bei entsprechender Führung werde eine Verlegung in die JVA Schwalmstadt angeboten, wo es eine Seniorenabteilung mit lockereren Haftbedingungen gibt.

Wenn sich der Tod eines Häftlings abzeichne, sei seine Anstalt bemüht, sich für eine Verlegung in ein Hospiz einzusetzen, sagt JVA-Leiter Meister. „Die Vorstellung, in Haft zu sterben, ist für niemanden erquicklich.“ Die Entscheidung darüber fälle aber allein die Staatsanwaltschaft.

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