Bis zu 23 Stunden Einschluss

Gefängnissport in Wehlheiden: Fußball oft das Wichtigste der Welt

Ex-Fußball-Profis kamen zur Einweihung des neuen Fußballplatzes 1988 in die JVA: Von links stehend „Gala“ Metzner, Heinz Brede, Jürgen Ey, Adi Schade, Gerd Grau, Manfred Grawunder, Peter Rabeneck; vorn von links: Andy Burose, Horst Trimhold und Klaus Zaczyk.

Kassel. Fußball ist das Wichtigste auf der Welt: Was sich in Freiheit so einfach dahinsagen lässt, gilt für Gefangene oft wortwörtlich.

Denn wenn die Welt nur neun Quadratmeter groß ist wie die Zellen in der Justizvollzugsanstalt Kassel-Wehlheiden, dann hat Sport einen noch höheren Stellenwert. Kaum jemand in Kassel weiß das besser als Volker Justinger. Der 59-Jährige sitzt seit 24 Jahren in Haft. Er ist eines der langjährigsten Mitglieder des Gefangenensportvereins (GSV 74), der vor 40 Jahren gegründet wurde.

Inzwischen sitzt Justinger im Vorstand des GSV. Dieser war 1974 gegen viele Widerstände der Sportverbände ins Leben gerufen worden. Heute sind die Ängste von damals vergessen, die Chancen einer Resozialisierung erkannt.

Neben Fußball, Volleyball, Tischtennis, Badminton und Dart werden etwa auch Schach und Handball angeboten. Die Mannschaften der letzten beiden Sportarten sind sogar im Liga-Betrieb aktiv. „Alles außer Stabhochsprung ist hier erlaubt“, sagt Justinger und grinst schelmisch.

Aber auch sonst ist der Sport im Knast mit einigen Besonderheiten verbunden. Sowohl Heim- wie Auswärtsspiele finden in der Justizvollzugsanstalt statt. Wenn ein Ball über die Mauer fliegt, kann er nicht so einfach zurückgeholt werden. Und wenn die Laufgruppe für ihre Fünf- und Zehn-Kilometer-Läufe trainiert, dann bleibt ihr nur der Versorgungsweg, der an der Gefängnismauer entlangführt und von Beamten gesichert wird. „Da fühlt man sich zwar wie der Hamster im Rad, aber das Training ist für uns wichtig. Bewegungsmangel ist ein großes Thema hier“, sagt der Gefangene Ulrich Rest (56).

Bis zu 23 Stunden Einschluss

Die Inhaftierten seien, insbesondere wenn es für sie keine Arbeit gebe, im Extremfall bis zu 23 Stunden am Tag eingeschlossen. „Sport, Einkaufen und Besuche von draußen sind hier die drei Highlights“, erzählt Rest. Trainiert werde für das Sportfest, das jährlich Ende Mai/ Anfang Juni stattfindet und zu dem viele nordhessische Mannschaften in der Anstalt zu Gast sind.

Auch prominenten Besuch gab es schon: Neben den Fußball-Weltmeistern von 1954, Fritz Walter und Horst Eckel, war auch Uwe Seeler hinter Kasseler Gittern. Diese suchten auch den direkten Kontakt mit den Gefangenen. So versprach einer der Gefangenen der HSV-Legende Uwe Seeler, er wolle keine illegalen Geschäfte mehr machen, wenn er aus dem Gefängnis entlassen werde. „Er konnte sein Versprechen nicht einhalten“, erzählt Torsten Brethauer, der sich als Justizvollzugsbeamter um den Vereinssport kümmert.

Auch der Gefangene Volker Justinger weiß, dass der Sport nur eine Chance ist, außerhalb der Mauern besser klarzukommen. „Er ist aber keine Garantie, dass die Leute nicht wiederkommen.“ Dies hat er in 24 Jahren Haftzeit nicht nur einmal erlebt.

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