Anwohner: Raser kommen jedes Wochenende 

Illegale Autorennen in Kassel: Fahrer rasen mit 140 km/h über die Kohlenstraße 

Beliebter Austragungsort für illegale Autorennen: die Kohlenstraße. Nach Beobachtungen von Anwohnern finden sie nahezu jedes Wochenende und vor Feiertagen statt.

Kassel. An den Wochenenden und vor Feiertagen kriegt Gerald Schodder vor 1 Uhr in der Früh selten ein Auge zu. Der Grund: illegale Autorennen. 

Junge Autofahrer rasen mit ihre getunten und aufgemotzten Fahrzeugen lautstark über die Kohlenstraße, in der er wohnt. „Freitags, samstags und vor Feiertagen ist hier regelmäßig die Hölle los“, sagt der 53-Jährige, der dort seit neun Jahren wohnt.

Von seinem Wohnzimmerfenster oder seiner Veranda aus kann er genau sehen, wie sich die jungen Leute nächtliche Rennduelle auf der Straße liefern. Und vor allem hören, wenn die Fahrer die PS-starken Motoren kräftig aufheulen lassen. Meist gingen die Rennen um 22 Uhr los. Gegen eins sei dann Schluss, so Schodder. Das gehe fast jedes Wochenende so.

Seltsamerweise war es am vergangenen Freitag anders. „Da war es ausnahmsweise ruhig. Fast schon unheimlich. Ich vermute, die haben sich an anderer Stelle verabredet“, sagt Schodder.

Dabei sorgt sich der Mann weniger um seine verdiente Nachtruhe als vielmehr um das Wohl der Fahrer. „Am vorletzten Wochenende dachte ich, es gibt Tote. Die sind mit 120 bis 140 Sachen über die Kohlenstraße gerast“, erinnert sich der Anlieger. Er vermutet, dass die jungen Leute bis zu McDonald´s heizen, sich dort stärken und dann wieder zurückrasen.

Gerald Schodder

Zehn bis zwölf Gruppen beteiligten sich an den illegalen Rennen. Gefahren würden alle Fabrikate, aber auffällig häufig BMW, schildert Schodder seine Beobachtungen. Gesichter oder gar Kennzeichen könne er aber nicht erkennen, weil es meist dunkel sei und die Autos viel zu schnell unterwegs seien. Die Polizei hat Schodder wiederholt angerufen, aber er habe den Einruck, die fühlten sich nur genervt. Gleichwohl hat Schodder Verständnis dafür, dass die Polizei nicht ständig auf der Kohlenstraße patrouillieren könne. Das wäre ja viel zu personalintensiv. „Ich hoffe nur, dass nichts passiert“, sagt er etwas resigniert.

Erst Anfang März hatte die Polizei wegen des Verdachts eines illegalen Rennens auf der Kohlenstraße acht Autofahrer gestoppt. Die Kontrolle, für die die Straße länger gesperrt war, blieb jedoch ohne Ergebnis.

Autorennen sind verboten, stellen aber keine Straftat, sondern lediglich eine Ordnungswidrigkeit nach der Straßenverkehrsordnung dar. Wer an illegalen Autorennen teilnimmt, muss mit einer Geldbuße von 400 Euro, zwei Punkten in der Verkehrssünderdatei und einem Monat Fahrverbot rechnen. Wer ein Autorennen veranstaltet, bekommt 500 Euro Geldbuße. Auch das unnütze Hin- und Herfahren kann als „übermäßige Straßenbenutzung“ mit 20 Euro geahndet werden. Wer seinen Motor gezielt aufheulen lässt und damit unnötig Lärm verursacht, muss mit 10 Euro Verwarngeld rechnen.

Das sagt die Polizei

„Uns sind keine regelmäßig verabredeten Autorennen bekannt“

Matthias Mänz.

Nach Einschätzung der Polizei gibt es in der Stadt keine „klassischen Rennstrecken“. Auf großen Ein- und Ausfallstraßen, darunter auch die Kohlenstraße, gebe es zwar immer wieder Fahrer, die deutlich zu schnell unterwegs seien. „Uns ist aber nicht bekannt, dass dort regelmäßig verabredete Autorennen stattfinden“, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz. Wenn an der Ampel die Falschen zusammenträfen, komme es aber vor, dass spontan Gas gegeben und losgerast werde. Zudem gebe es im Bereich der Neuen Fahrt, der Friedrich-Ebert- und auf der Dresdner Straße Treffen von Fahrern mit getunten Autos, die ihre Wagen zur Schau stellten, die Motoren aufheulen ließen und kurze Sprints führen. Das seien aber „keine echten Rennen“, bei denen um die Wette gefahren werden, so der Polizeisprecher.

Illegale Autorennen nachzuweisen, sei grundsätzlich schwierig. „Dabei sind wir auch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen“, so Mänz. Das Problem dabei: Wenn die Polizei anrücke, sei das Ganze meist schon wieder vorbei. Zudem sei es mit einem normalen Streifenwagen schwierig, die überhöhte Geschwindigkeit von Rasern gerichtsfest nachzuweisen. In einem Fall in der Nacht zum 1. April in der Kohlenstraße sei die Polizei leider erst nachträglich informiert worden, so Mänz. Es sei aber bekannt, dass zum 1. April oftmals die nur mit Saisonkennzeichen zugelassenen getunten Autos in Betrieb genommen würden. „Da geht es dann zum Stichtag um Mitternacht los, um durch die Stadt zu heizen.“ Auch Karfreitag sei in einigen Städten ein festes Datum der Szene, die den Feiertag als „Car-Freitag“ (Auto-Freitag) bezeichnet.

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