Im Botanischen Garten

Sie wird in Schönheit sterben: Kasseler Riesen-Agave im Video

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Die Agave im Botanischen Garten Kassel ist derzeit um die drei Meter groß.

Sie ist mindestens 70 Jahre alt und treibt jetzt eine riesige Blüte aus - nur um danach zu sterben. Die Agave im Kakteenhaus des Botanischen Gartens in Kassel ist eine Attraktion. 

Für die Fachleute ist es eine Sensation. Die Agave im Botanischen Garten hat einen enormen Blütenstand entwickelt, der immer schneller wächst. Bis zu acht Meter hoch könnte er im Sommer aufragen. „Vorher müssen wir auf jeden Fall das Dach öffnen“, sagt Dieter Rüsseler von den Kakteenfreunden Friedrich Ritter. Die erinnern an den gleichnamigen Forscher und kümmern sich seit fast zwei Jahrzehnten auch um die außergewöhnliche Agave.

Deren Schicksal ist jetzt schon besiegelt. Sie wird in den nächsten Monaten blühen und dann quasi in Schönheit sterben. Den Kraftakt mit der Entwicklung der riesigen Blüte übersteht sie nicht. Wenn es gut läuft, wird die Agave allerdings vorher Ableger bilden. Dann könnten ihre Nachkommen in Kassel eine Tradition fortsetzen.

Agave ist seit 1955 in Kassel

Zur Bundesgartenschau 1955 ist die Agave nach Kassel gekommen. als Kübelpflanze, die schon ein paar Jahre alt war und Teil der Präsentation in der Karlsaue wurde. Erst viele Jahre später ist der Umzug in den Botanischen Garten am Park Schönfeld dokumentiert. 1982, ein Jahr nach der zweiten Bundesgartenschau in Kassel erhielt das Gelände ein Kakteenschauhaus.

„Viele Agaven blühen nur ein einziges Mal nach vielen Jahrzehnten Wachstum und gehen dann ein“, sagt Elmar Sänger, ein Mitglied der Kakteenfreunde. Vorher wird die Pflanze allerdings noch ein Geheimnis offenbaren. Bisher habe man trotz intensiver Recherchen die Agavensorte noch nicht sicher bestimmen können, sagt Elmar Sänger. Bei vielen Sorten könne man das erst anhand der Blüten feststellen.

In den vergangenen Jahren gab es deutliche Anzeichen, dass sich bei der Pflanze etwas tut. Seit 2016 wurden die neuen Blätter immer kürzer, bis Anfang 2018 endlich die Knospe erkennbar war. Diese wurde über das Jahr immer höher und umfangreicher.

Agave im Botanischen Garten: 60 Zentimeter Wachstum in zwei Wochen

Im August schien es, als wolle die Agave eine Pause einlegen. Ab Ende November wuchs sie dann wieder. Pro Woche zuerst zwei Zentimeter, dann sechs und legte in den vergangenen zwei Wochen insgesamt 60 Zentimeter zu. Nun ist sie schon an die drei Meter groß und den Kakteenfreunden ist klar, dass die Agave weit größer wird, als das Glashaus hoch ist.

Die Agave wächst derzeit pro Woche um die 20 Zentimeter.

„Wenn sie das Dach erreicht, nehmen wir eine Platte heraus,“ sagt Sänger, „aber das dauert hoffentlich noch“ Denn für die Agave ist es in unseren Breiten noch zu kalt. Die aus Amerika stammende Pflanze ist dort vom Süden der Vereinigten Staaten über Mexiko bis Panama verbreitet und kommt bis in das nördliche Südamerika vor.

Deshalb müsse um den Knospenstamm ein Schutz gegen die Kälte angelegt und auch eine Konstruktion auf das Dach gebaut werden. Für die Agave und ihre einmalige Riesenblüte ist kein Aufwand zu viel.

Stück aus dem Dach musste für Riesen-Agave herausgeschnitten werden

Sie ist übers Wochenende schon wieder gut zehn Zentimeter gewachsen. Die jetzt schon riesige Agave im Kakteenhaus des Botanischen Gartens lässt sich vom nasskalten Wetter draußen nicht beeindrucken. „Ich bin gespannt, wie das im Freien weitergeht“, sagt Christine Böhm von den Kasseler Kakteenfreunden, die sich ehrenamtlich um die außergewöhnliche Pflanze kümmern.

Drei Meter ist sie schon hoch, weitere fünf Meter könnten noch kommen. Dafür ist das Gewächshaus, in dem sie steht, bei Weitem zu klein. Deshalb hat das Umwelt- und Gartenamt der Stadt gestern die Handwerker bestellt. Mit einem Hubwagen hat sich Glaser Jens Seeger auf das Dach hieven lassen und eine der Scheiben herausgetrennt. Dafür wurde dann von Metallbauer Michael Mench eine gleich große Blechplatte eingesetzt, die eine abgepolsterte Öffnung hat. 

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Durch die soll die Agave wachsen. Die Kakteenfreunde hoffen, dass sie das etwas langsamer macht als zuletzt. Das kalte Wetter könnte der eigentlich in Südamerika beheimateten Pflanze dann doch zusetzen. Deshalb wollen Mitarbeiter des Gartenamtes dafür sorgen, dass die Blüte im Freien so gut wie möglich geschützt wird.

Agave brauchte Im Hitzesommer 2018 bis zu 1000 Liter Wasser

Wie lange und wie hoch die Agave noch wächst, weiß niemand so genau. „Es gibt über 200 Agavenarten, unsere können wir erst zweifelsfrei bestimmen, wenn sie blüht“, sagt Dieter Rüsseler vom Kakteenverein. Der hat sich insbesondere im vergangenen Hitzesommer fast täglich um die Agave gekümmert. Bis zu 1000 Liter Wasser pro Woche brauchte sie. Die Kakteen in der direkten Nachbarschaft sind wesentlich genügsamer.

Sie wächst und wächst und wächst: Bis zu acht Meter hoch kann die seltene Blüte der Agave noch werden. Dann muss das Dach des Gewächshauses im Botanischen Garten geöffnet werden.

Mindestens zwei Monate wird die Agave jetzt noch wachsen und – so hoffen die Kakteenfreunde – noch für einige Ableger sorgen. Denn das Schicksal der außergewöhnlichen Pflanze ist besiegelt.Wenn sie geblüht hat, wird sie ihre gesamte Energie verbraucht haben und absterben. Wer sie noch mal sehen will, sollte nicht zu lange warten.

Agave im Botanischen Garten: Ihre Stationen in Kassel

Die spektakuläre Agave im Botanischen Garten hat sich viel Zeit gelassen, bis sie jetzt zum ersten und einzigen Mal blüht. Wir beleuchten einige Stationen ihres Lebens in Kassel.

  • Die Gartenschau 1955

Der Geburtsort der Agave ist nicht bekannt. Fest steht allerdings, dass sie schon ein gutes Stück gewachsen war, als sie 1955 zur Bundesgartenschau in Kassel auftauchte. Als damals noch exotische Kübelpflanze bei einer Großveranstaltung, die die Stadt verändert hat. Zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs war Kassel noch eine Ruinenstadt. 

Die Bundesgartenschau wurde zu einem Signal der Hoffnung und des Wiederaufbaus. Und um im Bilde zu bleiben: Damals hatte die Gartenschau einen Ableger, der sich sehr gut entwickeln sollte. Arnold Bode stellte im Begleitprogramm die erste documenta auf die Beine. Nach der Gartenschau verschwand die Agave von der öffentlichen Bildfläche. Wahrscheinlich wurde sie in einem der städtischen Gewächshäuser untergestellt.

  • Die Gartenschau 1981

Spätestens jetzt muss man die Abkürzung Buga verwenden. Denn damals wurde unter anderem der Bugasee angelegt, der bis heute eine der beliebtesten Freizeiteinrichtungen Kassels ist. Die Agave war zu diesen Zeitpunkt schon über 30 Jahre alt und langsam, aber stetig gewachsen. Endlich sollte sie einen dauerhaften Platz bekommen. 

1982 wurde das Kakteenschauhaus im Botanischen Garten gebaut. Der Garten selbst erlebte eine schwierige Phase. Aus Kostengründen wurde er in eine öffentliche Grünfläche ohne großen gärtnerischen Anspruch umgewandelt. Das hat sich zum Glück seit einigen Jahren geändert. Mit Unterstützung eines Fördervereins kümmert sich heute das Umwelt- und Gartenamt um die grüne Oase in der Stadt.

  • Die Gegenwart

Heute steht die Agave in einem Glashaus, das in die Jahre gekommen ist. Deshalb sammeln die Kakteenfreunde Spenden für ein neuens, besser isoliertes und auch höheres Gewächshaus. Die Agave bietet als außergewöhnliche Attraktion die Gelegenheit, mehr Menschen für das Anliegen zu interessieren. Den ohnehin interessanten Spaziergang durch den Botanischen Garten kann man mit einem Besuch im Kakteenschauhaus verbinden.

Wann kann man die Agave im Botanischen Garten Kassel besichtigen?

Der Botanische Garten ist täglich von acht bis 19.30 Uhr geöffnet. Diese Zeiten gelten für das Haupttor. Der Eintritt ist frei. Das Kakteenhaus mit der Agave ist montags bis donnerstags von acht bis 15 Uhr und freitags bis zwölf Uhr geöffnet. Samstags öffnen die Kakteenfreunde von zwölf bis 17 und sonntags von 14 bis 17 Uhr.

Von Thomas Siemon und Charlotte Broska

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