Hygiene-Vorgaben für Lebensmittelhändler

Angst vor Keimen im Essen: Streit um mitgebrachte Dosen auf Kasseler Wochenmarkt

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Bekanntes Gesicht auf dem Wehlheider Wochenmarkt: Georg Bastwöste arbeitet am Ántipasti-Stand von Gerlinde Mohr. Er darf nur noch Einwegverpackungen befüllen.

Um Müll zu vermeiden, lassen sich immer mehr Kunden Produkte in mitgebrachte Dosen füllen. Doch was der Umwelt zugutekommt, stellt die Händler vor Hygienerisiken. 

Auf dem Wehlheider Wochenmarkt ist deshalb nun eine handfeste Debatte ausgebrochen. Der Antipasti-Stand von Gerlinde Mohr ist beim freitäglichen Markttreiben auf dem Wehlheider Platz beliebt. Viele der Kunden decken sich bei der Kirchhainer Händlerin bereits seit Jahren mit südländischen Spezialitäten ein und bringen dazu ihre Dosen und Gefäße von zu Hause mit. Umso größer war die Aufregung, als das nun nicht mehr möglich war.

Nachdem die Händlerin, die mit ihrem Stand auch in Marburg regelmäßig zu Gast ist, von einem dortigen Kunden angezeigt wurde, zog sie die Reißleine. Ihre Verkäufer nehmen nun keine mitgebrachten Dosen mehr an – und das, obwohl teilweise 80 Prozent der Kunden bis dato darauf bestanden. Der Grund ist eine EU-Verordnung. Laut dieser ist das Risiko einer Kontamination mit Keimen durch solche Gefäße nicht auszuschließen.

Debatte auf Wochenmarkt in Kassel: Dosen müssen keimfrei sein

„Ich verkaufe seit 33 Jahren meine Produkte, und es ist immer gut gegangen. Aber ich muss dafür garantieren, dass die Dosen keimfrei sind. Das Risiko ist mir zu groß, zumal beim Abstreichen unserer Cremes ein Kontakt mit den Dosen zwangsläufig ist“, sagt Mohr, der bei Verstößen ein Bußgeld droht. Deshalb setzte sie wieder auf Einwegverpackungen. Der Umweltschutz sei wichtig, Gesundheitsschutz gehe aber vor.

Nach Auskunft der städtischen Lebensmittelüberwachung ist das Befüllen von Kundengefäßen nicht grundsätzlich verboten. Es gebe aber Vorgaben zu beachten. So müssten die Behältnisse auf der Theke – keinesfalls dahinter – kontaktlos befüllt werden.

Die Hauptverantwortung für die Sicherheit eines Lebensmittels trägt der Lebensmittelhändler. Er muss dafür Sorge tragen, dass es bei der Verwendung von Mehrwegbehältern nicht zu einer Kreuzkontamination (ungewollte Übertragung von Verunreinigungen) kommt. Dabei gilt es eine direkte Übertragung (Kundengefäß berührt Bereich hinter Theke) und indirekte Übertragung (Händler nimmt Kundengefäß in die Hand und berührt Produkte hinter Theke) zu verhindern.

Kunden zeigen kein Verständnis für Problem der Händler

Auf dem Wehlheider Wochenmarkt gab es tagelang vor allem ein Thema: Warum werden am Antipastistand von Gerlinde Mohr keine mitgebrachten Dosen mehr befüllt? Schließlich schont das doch die Umwelt. Mohr beschreibt im Gespräch mit der HNA, dass einige Kunden leider kein Verständnis dafür zeigten, dass sie ihre Produkte aus Gründen der Lebensmittelsicherheit wieder ausschließlich in Einwegverpackungen verkaufe.

An ihrem Stand sei es schlicht kaum möglich, die strengen Vorgaben einzuhalten, die für das Befüllen von mitgebrachten Gefäßen gelten. So dürften die Verkäufer die Behältnisse der Kunden nicht berühren und auch die genutzten Löffel dürften keinen Kontakt mit den Dosen haben. „Dies ist etwa beim Abfüllen von Frischkäse unmöglich“, sagt Mohr.

Marktsprecher Arnold Görlich spricht von einem „sensiblem Thema“. „Wir Händler diskutieren hier schon länger, wie wir verpackungsloser arbeiten können. Klar ist: Der Bereich hinter dem Spuckschutz ist für Kundengefäße tabu“, sagt Görlich. Um Verpackungsmüll zu vermeiden, schlägt er den Einsatz von Pfand-Mehrwegverpackungen vor, die von den Betreibern ausgegeben werden und nach Rückgabe auch von diesen gereinigt werden.

Ein solches System hält Mohr nicht für praktikabel. An ihrem Verkaufsstand sei es aus Platzgründen unmöglich, Einwegverpackungen zu lagern. „Auch die Reinigung und das keimfreie Verpacken der Dosen wären mit einem Riesenaufwand verbunden“, sagt die Händlerin.

So macht es Tegut

An den Frischetheken der Tegut-Märkte können die Kunden seit einem Jahr verpackungsfrei einkaufen. Dabei bekommen sie von den Mitarbeitern ein Tablett gereicht, auf das sie ihre mitgebrachte und geöffnete Dose stellen (siehe auch Hintergrund). So wird ein direkter Kontakt zwischen Dose und Frischebereich verhindert.

Das Gewicht der Dose und des Tabletts wird dann beim Abwiegen von Wurst und Käse abgezogen. Das Thekenpersonal gibt dem Kunden anschließend ein Preisetikett, das dieser dann auf die mitgebrache Dose klebt. Das Tablett wird im Anschluss gereinigt. „So wird die erforderliche Hygiene sichergestellt“, sagt eine Tegut-Sprecherin.

So machen es Bäcker 

Wer einen Kaffee zum Mitnehmen bei der Bäckerei Becker bestellt, kann diesen in einen mitgebrachten Thermobecher gefüllt bekommen. Auch Stoffbeutel für Brot und Brötchen nimmt die Kasseler Bäckerei entgegen und befüllt sie hinter der Theke. Beschwerden gab es bisher keine: „Man muss auch mal Fünfe gerade sein lassen“, sagt Inhaber Andreas Becker.

Trotzdem ist die Nachfrage nach dem kurzlebigen Pappbecher größer. „Der ökologische Pflichtgedanke ist bei vielen noch nicht angekommen“, so Becker. Kunden entschieden sich oft aus Bequemlichkeit für die Variante aus Pappe.

Bei den „Brotgarten“ Bäckereien findet kein Thermobecher und kein Stoffbeutel seinen Weg hinter die Theke. Der Kaffee wird umgefüllt, die Backwaren muss der Kunde selbst entgegennehmen. Aus hygienischen Gründen wird die Ware mit Zangen oder einem Papier an den Kunden gegeben.

Ein „ganz anderes Kaufverhalten“ als in den Filialen beobachtet Wolfgang Wecker von der Brotgarten-Filiale an der Treppenstraße auf den Kasseler Wochenmärkten. 50 bis 60 Prozent der Kunden würden seiner Einschätzung nach bereits eigene Beutel beim Brot- und Brötchenkauf mitbringen.

So machen es Cafés

Kaffeerösterin Ina Ringlig findet es „lobenswert“, wenn Menschen reflektiert auf ihre Umwelt schauen. „Die Kaffeerösterin“ von der Wilhelmsstraße schenkt den Kaffee nach Wunsch ebenfalls in mitgebrachte Gefäße aus. Die Thermobecher werden hinter der Theke heiß ausgespült und dann befüllt. So soll der hygienische Aspekt berücksichtigt werden.

So dürfen Kundendosen und Kaffeebecher befüllt werden

Die Stadt Kassel befürwortet es aus Gründen der Müllvermeidung, wenn Händler das Befüllen von Mehrwegverpackungen anbieten. Das zuständige Amt für Lebensmittelüberwachung und Tiergesundheit empfiehlt zwei Vorgehensweisen:

Die erste Möglichkeit besteht darin, dass der Kunde sein Behältnis auf dem Tresen platziert und der Händler dieses ohne es zu berühren befüllt.

Ist es unpraktikabel oder unmöglich, das Behältnis auf der Theke zu befüllen – etwa weil die Ware vorher abgewogen werden muss – so kann der Händler dem Kunden auch ein Tablett auf den Tresen stellen. Auf dieses Tablett stellt der Kunde dann seinen zuvor geöffneten Behälter. Das Tablett wird dann samt Behälter auf die Waage gestellt. Der Mitarbeiter legt die Bestellung des Kunden berührungslos in das Behältnis und reicht dem Kunden den offenen Behälter auf dem Tablett zurück. Der Kunde muss dann diesen wieder selbst verschließen. Durch das Tablett wird ein direkter Kontakt zwischen der mitgebrachten Dose und dem Bereich hinter der Theke vermieden.

Beim Befüllen von mitgebrachten Kaffeebechern muss das Personal darauf achten, dass dieser nicht den Abfüllstützen berührt. Um eine Kontamination auszuschließen, kann der Kaffee auch zunächst in eine normale Tasse gefüllt werden und dann dem Kunden auf den Tresen gestellt werden. Dieser füllt dann die Tasse in den mitgebrachten Becher um.

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