Betroffene berichten von ihren Erfahrungen

Viele Kasseler leiden unter Bahnlärm: Keine Schallschutzprojekte geplant

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Vor allem nachts für viele Anwohner ein Problem: Vor allem der Lärm der Güterzüge sorgt in den betroffenen Kasseler Wohngebieten (hier im Bereich Wehlheiden) für unruhige Nächte. Während die Deutsche Bahn auf Flüsterbremsen umstellt, tun dies viele andere Bahnunternehmen nicht.

Unter Bahnlärm leiden Hunderte Kasseler Haushalte. Das belegt eine Karte des Eisenbahn-Bundesamtes. Eine Betroffene berichtet über ihre Erfahrungen mit der Deutschen Bahn.

Im Sommer mal wieder bei geöffneten Fenstern schlafen: Das würde sich Anja Mariotti wünschen. Doch weil unmittelbar neben ihrem Wohnhaus an der Christian-Reul-Straße ein Güterbahndamm und die Bahntrasse zum Wilhelmshöher Bahnhof verlaufen, ist dies nicht möglich. Einen echten Lärmschutz gibt es in diesem Teil von Wehlheiden nicht. Zwar haben Anwohner einen Rechtsanspruch darauf – dieser gilt aber nur beim Neu- oder Ausbau von Bahnstrecken.

Als die 36-jährige Mutter von zwei Kindern 2014 mit ihrem Mann in den Neubau an der Christian-Reul-Straße zog, wusste sie natürlich von der Bahnstrecke in unmittelbarer Nähe. Was sie nicht wusste: „Wie häufig Bauarbeiten – und insbesondere nachts – an den Bahnstrecken stattfinden.“ 

Bahnlärm: In wenigen Fällen wurde reagiert

Schon häufig hat sie sich an die Bahn gewandt mit der Bitte, das Ruhebedürfnis der Anwohner zu berücksichtigen. „Es ist nachvollziehbar, dass die Bahn dann baut, wenn wenig Verkehr auf der Strecke ist, aber man kann ja dennoch die Situation der Anwohner im Blick beachten.“

Einmal sei stundenlang ein lautes Stromaggregat in Betrieb gewesen und erst auf Beschwerden hin, sei der Krach durch schalldämmende Maßnahmen reduziert worden. Wenn sich Mariotti bei der Bahn über Lärm beklagte, wurde in den wenigsten Fällen reagiert: „Die häufigste Antwort der Bahn lautete sinngemäß: Selbst schuld, wenn man in die Nähe von Bahnschienen zieht.“ In einer wachsenden Großstadt müssten Bahnbetrieb und Wohnen vereinbar sein, findet die Wehlheiderin.

Die Deutsche Bahn hat sich zum Ziel gesetzt, ihren Lärm – ausgehend vom Jahr 2000 – bis 2020 zu halbieren. „Ich kann nicht erkennen, dass hier in den vergangenen fünf Jahren auch nur etwas in diese Richtung geschehen ist“, sagt Mariotti.

In näherer Zukunft keine Schutzprojekte geplant

Nach Auskunft der Bahn sind in der näheren Zukunft keine Projekte für Lärmschutz an Bestandsstrecken in Kassel geplant. Allerdings seien Abschnitte im Stadtgebiet in einem entsprechenden Bundesprogramm zur Reduzierung des Schienenlärms enthalten. Aufgrund ihrer niedrigen Priorisierung innerhalb des bundesweiten Programms sei aber nicht absehbar, wann die Projekte angegangen werden, teilt ein Bahnsprecher mit.

Bei Neubauprojekten sei die Bahn aber auch in Kassel tätig geworden: Im Zuge der Neubaustrecke Hannover-Würzburg seien in Wilhelmshöhe vier Meter hohe Lärmschutzwände gebaut worden. Durch diese würden die gesetzlichen Lärmgrenzwerte eingehalten. „Bei bestehenden Strecken gebe es den Rechtsanspruch der Anwohner allerdings nicht“, so der Bahnsprecher.

Fahrzeuge werden umgerüstet

Das geplante Bauprojekt „Kurve Kassel“, bei dem aktuell verschiedene Trassen nördlich des Stadtgebiets untersucht werden, hat nach Auskunft der Bahn keinen Einfluss auf den Bahnlärm in der Stadt. Wichtiger sei aber ohnehin die laufende Umrüstung der Fahrzeuge auf sogenannte Flüsterbremsen, die auch die Rollgeräusche vorbeifahrender Güterzüge um zehn Dezibel reduzierten. „Dies entspricht gefühlt einer Halbierung des Lärms“, erläutert ein Bahnsprecher. Ein Bundesgesetz verbietet lauten Güterverkehr ab dem Fahrplanwechsel 2020/21.

Die Lärmgrenzwerte für Bahnstrecken an Wohngebieten liegen aktuell bei 67 Dezibel am Tag und 57 Dezibel in der Nacht. Zum Vergleich: 60 Dezibel entsprechen der Lautstärke eines Benzinrasenmähers in zehn Meter Entfernung. Bei einem Schallpegel von 65 Dezibel erhöht sich das Risiko für Herz- und Kreislaufstörungen.

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