40 Wohnungen über Lidl-Markt?

Wohnen überm Discounter: In Kassel soll Platz über Supermärkten genutzt werden

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Lidl wird wachsen: Der Discount-Markt in der Kohlenstraße wird abgerissen und auf den jetzigen Parkplätzen (rechts vorn) neu errichtet.

Der Wohnraum in großen Städten ist knapp. Um neue Wohnflächen zu schaffen, werden daher Supermärkte aufgestockt. Das soll zukünftig auch in Kassel passieren. 

In deutschen Metropolen wie Berlin und Frankfurt ist es längst üblich: Wenn Lebensmittelmärkte von Aldi, Lidl oder Rewe neu gebaut werden, dann bleibt es nicht bei der reinen Verkaufsfläche. Weil Wohnraum in Großstädten knapp ist, werden die Supermärkte aufgestockt, um neue Flächen zu erschließen.

Auf diese Weise soll nun auch in Kassel neue Wohnungen geschaffen werden. Darüber wird wohl am Montag auch in der Stadtverordnetenversammlung debattiert, wenn es um die Offenlegung des Bebauungsplans für den Neubau des Lidl-Markts an der Kohlenstraße im Stadtteil Wehlheiden geht.

Wenn es nach der Fraktion der Kasseler Linke ginge, dann würden schon bei diesem Neubau Wohneinheiten auf dem Markt geschaffen. „Wir möchten, dass eine zwei- bis drei geschossige Bebauung in der Offenlage mit drin ist“, sagt die Stadtverordnete Violetta Bock.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Keine Mehrheit für Änderungsantrag 

Dieser Änderungsantrag zum Bebauungsplan wird aber wohl keine Mehrheit finden. Die anderen Fraktionen haben ihn im Ausschuss bereits abgelehnt. Dennoch: In der Februar-Sitzung der Stadtverordneten hatten SPD, Grüne und der Stadtverordnete Andreas Ernst mit einem gemeinsamen Antrag deutlich gemacht, dass künftig bei jedem Neubau eines Supermarktes in Kassel darüber nachgedacht wird, zusätzliche Flächen für Wohnraum zu schaffen.

Die Aufstockung von Supermärkten zur Wohnraumverdichtung sei für Städte von einer Größenordnung wie Kassel noch Neuland, sagt Volker Mohr, Leiter des Stadtplanungsamts. Dies sei aber ein Weg, den er sich auch für Kassel vorstellen könne. „Wir werden jeden Einzelfall beim Neubau eines Markts prüfen.“ 

Beim Lidl-Markt in Wehlheiden spreche unter anderem die Spedition Jung in direkter Nachbarschaft gegen den Neubau von Wohnungen. Hingegen sei die Stadt mit Lidl im Gespräch, beim Neubau des Markts im Wesertor auch 40 neue Wohnungen zu schaffen.

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Bundesweit 400.000 neue Wohnungen 

2,3 bis 2,7 Millionen Wohnungen könnten in Deutschland neu entstehen, wenn die vorhandenen innerstädtischen Bau-Potenziale intelligent und konsequent genutzt würden. Zu diesem Ergebnis kommt die zweite „Deutschland-Studie 2019“ der TU Darmstadt und des Pestel-Instituts (Hannover). Die Forscher haben ausgerechnet, dass allein 400 000 Wohneinheiten auf den Flächen von eingeschossigem Einzelhandel bundesweit entstehen könnten.

Stadt will weg von monotoner Nutzung

Auf dem Areal des ehemaligen Massa-Möbelmarktes an der Fuldatalstraße (Wesertor) sollen aller Voraussicht nach ein neuer Rewe- und ein neuer Lidl-Markt gebaut werden, so Volker Mohr, Leiter des Stadtplanungsamts. „Wir sind mit beiden Investoren im Gespräch.“

Allerdings verfolgt die Stadt das Ziel, dass dort nicht nur neue Lebensmittelmärkte entstehen, sondern die Gebäude aufgestockt werden, um Platz für Wohnungen, Dienstleistungen, kommunale Einrichtungen – möglicherweise eine Kita – zu schaffen. „Wie wollen weg von einer monotonen hin zu einer vielfältigen Nutzung wie auf dem Martini-Gelände.“

Erste Testentwürfe sähen vor, dass über dem neuen Lidl-Markt im Wesertor etwa 40 Wohnungen entstehen. Mohr ist zuversichtlich, dass man in den nächsten Wochen zu einem Ergebnis mit den Investoren kommt.

Spezielle Lösungen für Metropolen 

An dem Standort Kohlenstraße in Wehlheiden, wo Lidl ebenfalls einen neuen Markt baut, haben sowohl die Stadt als auch der Lebensmittel-Discounter von einer Wohnbebauung abgesehen. Dazu sagt Lidl-Pressesprecherin Sonja Kling: Immobilien für die kombinierte Nutzung seien eine sehr spezielle Lösung für einzelne Standorte in sehr dicht besiedelten Stadtteilen von Metropolen mit Flächen- und Wohnungsknappheit. „Diese Projekte setzen voraus, dass die Gesamtstruktur des Standortes eine kombinierte Immobilie erfordert und die Wirtschaftlichkeit des Gesamtkonzepts gegeben ist. Darüber hinaus müssen solche Vorhaben die Quartiersentwicklung voranbringen und einen echten Mehrwert für die Anwohner schaffen.“

Lidl stimme sich hinsichtlich der Entwicklung einzelner Standorte eng mit den jeweiligen Behörden und Planungsämtern ab. Dabei herrsche in der Regel zwischen der Stadtverwaltung und dem Unternehmen ein Konsens hinsichtlich der Frage, wo eine zusätzliche Bebauung sinnvoll ist und wo nicht, sagt Kling. An der Kohlenstraße in Kassel plane Lidl nicht, seine bestehende Filiale durch einen Neubau mit Wohnbebauung zu ersetzen.

„Neben dem Projekt in der Mainzer Landstraße in Frankfurt haben wir in der Metropolregion Rhein-Main und in München weitere Standorte mit Wohnbebauung in der Vorbereitung. Bei mehreren Projekten in Berlin und Hamburg sind wir auf einem guten Weg“, sagt Kling. Über den Kasseler Standort im Wesertor sagt die Unternehmenssprecherin nichts.

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